ISTANBUL – Sie erzählen von längst vergangenen Leben, gesellschaftlichen Traditionen und der Kunst ihrer Zeit: Historische Grabsteine in Istanbul werden derzeit systematisch erfasst und digital kartiert. Ein staatlich unterstütztes Forschungsprojekt soll damit ein wichtiges Stück des kulturellen Erbes der Metropole für kommende Generationen bewahren.
Das vor zwei Jahren gestartete Inventarprojekt für islamische Inschriften und Grabsteine wird unter der Schirmherrschaft der türkischen Präsidentschaft durchgeführt. Unterstützt wird es vom Kultur- und Tourismusministerium sowie der Generaldirektion für Kulturerbe und Museen.
Jeder Stein wird exakt erfasst
Ein Team aus acht bis zehn Wissenschaftlern arbeitet derzeit intensiv im Istanbuler Stadtteil Üsküdar. Sobald die Forscher einen historischen Friedhof oder einen Moscheehof betreten, wird jeder Grabstein fotografiert, vermessen und mit GPS-Koordinaten versehen.
Anschließend untersuchen Experten unter anderem die Form der Kopfstücke, architektonische Details, Verzierungen und die verwendeten Schriftarten. Die gesammelten Informationen werden in das zentrale Nationale Museum-Inventarsystem des Ministeriums aufgenommen.
Koordiniert wird das Projekt von Professor Kadir Pektaş von der Fakultät für Kunstgeschichte der Istanbul Medeniyet Universität.
„Nicht nur Grabsteine, sondern historische Dokumente“
Pektaş betont, dass die Steine weit mehr seien als bloße Markierungen von Gräbern. Sie seien zugleich historische Quellen und bedeutende Kunstwerke.
Anhand von Inschriften lassen sich beispielsweise Namen und Lebensdaten bestimmen. Auch der soziale Status oder der Beruf des Verstorbenen kann sich in der Gestaltung des Grabsteins widerspiegeln. Besonders aussagekräftig sind dabei die Kopfbedeckungen, die auf den Grabsteinen dargestellt werden.
„Wir bestimmen ihren Standort mit GPS. Im Grunde nehmen wir für das Artefakt eine Art Grundbuch auf“, erklärte Pektaş.
Symbole erzählen vom Glauben
Auch die Verzierungen haben eine besondere Bedeutung. Betül Eser von der Çanakkale Onsekiz Mart Universität verweist auf Symbole, die Vorstellungen vom Jenseits darstellen.
So können Fruchtschalen für die Segnungen des Paradieses stehen, während Zypressen Unendlichkeit und Ewigkeit symbolisieren.
Klassische osmanische Grabsteine enthalten häufig Formulierungen, die die Ergebung in den Willen Gottes ausdrücken. Mit der zunehmenden Westorientierung im 19. Jahrhundert tauchten dagegen auch stärker weltliche Gefühle und Klagen über Tod und Trennung auf.
Digitale Karte schützt vor Verlust
Auch die geografische Erfassung spielt eine zentrale Rolle. Mithilfe von Geografischen Informationssystemen (GIS) werden sowohl die Standorte als auch zahlreiche Eigenschaften der Grabsteine dokumentiert.
Dadurch können Forscher und Behörden nachvollziehen, wo sich einzelne historische Objekte befinden. Selbst wenn ein Stein später beschädigt, versetzt oder verloren geht, bleibt seine Dokumentation erhalten.
Die historischen Friedhofsanlagen befinden sich vor allem in den älteren Stadtteilen Istanbuls. Während des Osmanischen Reiches wurden diese umschlossenen Grabstätten häufig für Staatsbeamte, Geistliche und angesehene Persönlichkeiten genutzt.
Die zentrale Datenbank soll künftig nicht nur der Forschung dienen. Sie ermöglicht auch eine bessere Kontrolle des Erhaltungszustands und soll dabei helfen, den illegalen Handel mit historischen Kulturgütern zu verhindern.
Jeder Grabstein wird so zu einem kleinen Archiv – und gemeinsam ergeben sie ein einzigartiges Porträt der Gesellschaften, die Istanbul über Jahrhunderte geprägt haben.