Ein frostiger Wind weht durch die türkische Urlaubshochburg Bodrum – und das mitten im Hochsommer. Während die Temperaturen an der Ägäisküste für anhaltenden Besucherandrang sorgen, sorgt der Preis für eine einfache Kugel Eis für hitzige Diskussionen. Zwischen der günstigsten Kugel und dem teuersten Premium-Gelato klafft eine gewaltige Lücke. Die Preise variieren je nach Standort massiv zwischen 50 und 500 Türkischen Lira (ca. 1 bis 10 Euro).
Eine aktuelle Bestandsaufnahme in Muğlas Nobel-Destination zeigt ein Bild extremer Gegensätze. Während Urlauber im westlich gelegenen Turgutreis bereits für 50 Lira eine Kugel Eis bekommen, werden im schicken Yachthafen von Yalıkavak bis zu 400 Lira fällig. Im zentral gelegenen Bitez kostet die Kugel 90 Lira und in der belebten Bodrum-Innenstadt liegt der Richtwert bei 100 Lira.
Standort bestimmt den Preis
Die lokale Tourismusbranche sieht in dieser Spanne kein Problem, sondern das Prinzip des freien Marktes. Mahmut Kocadon, Präsident der Handelskammer von Bodrum, verteidigt die Preisgestaltung offensiv. „Wenn ein Mitglied zu uns kommt und sagt, ich verkaufe die Kugel für 400 Lira, dann genehmigen wir das im Sinne der freien Marktwirtschaft“, erklärte Kocadon. Er wies jedoch auch darauf hin, dass eine Überschreitung der genehmigten Obergrenze von 400 Lira Strafen durch das Handelsamt nach sich ziehen könne.
Kocadon empfiehlt preisbewussten Gästen eine einfache Strategie: „In der Öffentlichkeit herrscht ein falsches Bild. Eine Kugel kann 350, 400 oder 500 Lira kosten. Wenn Ihnen das zu teuer ist, sind Sie nicht gezwungen, dort zu kaufen. Wenn es nebenan 200 Lira kostet, können Sie es eben dort kaufen.“ Er betonte zudem die gesetzliche Pflicht der Betriebe, genehmigte Preise gut sichtbar für die Kunden auszuhängen.
„Es gibt nicht das eine Bodrum, sondern 13 verschiedene“
Ömer Faruk Dengiz, Präsident des Hotelierverbands Bodrum, verweist auf die heterogene Struktur des Reiseziels. Bodrum bestehe aus 13 völlig unterschiedlichen Lagen. Die hohen Preise in Yalıkavak seien durch die hohe Dichte an Luxusbetrieben und die entsprechenden Miet- und Personalkosten bedingt. „Es gibt Eis für jeden Geldbeutel. Auch Kugeln zwischen 50 und 80 Lira sind verfügbar“, sagte Dengiz. Er zog einen Vergleich zum Flugverkehr: „Wer von Istanbul nach Bodrum fliegt, zahlt in der Business Class 15.000 Lira, im gleichen Flugzeug gibt es Tickets für 4.000 Lira. Sollten wir jetzt fragen, warum Business so teuer ist?”
Realität der Händler: Zwischen Kampfpreisen und Qualität
In den Gassen von Turgutreis hält Ahmet Bükçü seit 26 Jahren den Preis bewusst stabil bei 50 Lira pro Kugel, so wie im Vorjahr. „Aufgrund der allgemeinen Teuerungsdebatte in unserer Branche haben wir uns entschieden, den Preis nicht zu erhöhen. Wir produzieren mit echten Früchten und Jersey-Kuhmilch, davon sollen die Leute profitieren können“, so der Eismacher. Bei 24 Sorten ist die Nachfrage stabil und die Stammkunden zufrieden.
Ramazan İhtiyar setzt in Bitez auf Masse statt Klasse beim Preis: „Wir verkaufen die Kugel für 90 Lira. Übertrieben hohe Preise gibt es bei uns nicht, wir setzen auf Menge und sind mit dem Umsatz sehr zufrieden.“ Auch in der Innenstadt zeigt man sich selbstbewusst: Ismail Dellal, der sein Eis aus Obst vom eigenen Garten produziert, hält 100 Lira angesichts hoher Mieten und Personalkosten für „sehr angemessen“. Ausländische Touristen und auch viele inländische Gäste aus Zentralanatolien fänden den Preis im Vergleich oft sogar günstig, so Dellal.
Mehmet Topkara, ein anderer Händler, sieht das kritischer: „Bei uns im Zentrum kostet die Kugel 100 Lira, das steht auch vor der Tür. Aber in Yalıkavak oder Türkbükü geht es schon mal hoch bis auf 400 Lira.“ Er bestätigt damit das Bild einer stark gespaltenen Eis-Landkarte zwischen Jetset-Marina und bodenständigem Badeort. Die Botschaft an die Gäste ist klar und widersprüchlich zugleich: Wer genau hinschaut, findet in Bodrum das wohl günstigste und das teuerste Eis der Türkischen Riviera – oft nur eine kurze Fahrt voneinander entfernt.