Von Antalya bis zum Libanon: Die außergewöhnliche Reise der Meeresschildkröte DOA

Bild: DHA
08.11.2026 – 9:00 Uhr

Antalya (DHA) – Eine außergewöhnliche Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) sorgt in der Wissenschaft für Aufmerksamkeit: Das Tier, das ohne eine seiner hinteren Flossen geboren wurde, hat eine erstaunliche Reise hinter sich. Nachdem es im Juli mit einem Satellitensender ausgestattet und am Strand von Belek bei Antalya ins Meer entlassen worden war, erreichte es inzwischen die Küste des Libanon.

Die Schildkröte mit dem Namen „DOA“ gilt als weltweit bislang einziges wissenschaftlich dokumentiertes Exemplar ihrer Art, das mit einer angeborenen Fehlbildung einer Gliedmaße per Satellit verfolgt wird.

Seit 32 Jahren im Einsatz für den Schutz der Meeresschildkröten

Am Strand von Belek, einem der bedeutendsten Nistgebiete für Unechte Karettschildkröten im Mittelmeer, führt die Gesellschaft für Ökologische Forschung (EKAD) seit 32 Jahren Schutzmaßnahmen durch.

Dabei entdeckten die Helfer am Strand von Boğazkent ein erwachsenes Weibchen, dem eine der beiden hinteren Flossen fehlte. Veterinärmedizinische Untersuchungen und Röntgenaufnahmen ergaben, dass die Flosse nicht durch eine Verletzung verloren gegangen war, sondern sich bereits von Geburt an nicht entwickelt hatte.

In der Fachsprache wird dieser angeborene Zustand als Amelie bezeichnet.

Von Belek bis zum Libanon: 541 Kilometer zurückgelegt

 

 

 

Mit finanzieller Unterstützung von Tourismusbetrieben in Belek wurde DOA mit einem Satellitensender ausgestattet. Am 25. Juli wurde die Schildkröte ins Meer entlassen.

Die aufgezeichneten Bewegungsdaten zeigen, dass DOA südlich an Zypern vorbeischwamm und anschließend in Richtung östliches Mittelmeer weiterzog. Schließlich erreichte sie die libanesische Küste.

Die letzte auf der Satellitenkarte angezeigte Position lag 541 Kilometer Luftlinie von Belek entfernt. Die Wissenschaftler verfolgen weiterhin ihre Wanderbewegungen und ihr Verhalten während der Überwinterung.

Weltweit bislang kein vergleichbarer Fall dokumentiert

Professor Dr. Onur Candan von der Universität Ordu und Vorstandsmitglied der EKAD bezeichnete den Fall als wissenschaftlich außergewöhnlich.

„In der bisherigen Fachliteratur gibt es keine Veröffentlichung über ein Tier mit angeborenem Fehlen einer Gliedmaße. Es wurden zwar Schildkröten mit amputierten Gliedmaßen dokumentiert, aber keine mit einer von Geburt an nicht entwickelten Gliedmaße“, erklärte Candan.

Zwar sei nicht auszuschließen, dass es weitere solche Tiere in freier Wildbahn gebe. Wissenschaftlich dokumentierte Vergleichsfälle seien bislang jedoch nicht bekannt.

Schildkröte konnte kein richtiges Nest graben

 

 

EKAD-Präsident Dr. Ali Fuat Canbolat berichtete, dass er DOA erstmals beobachtet habe, als sie versuchte, am Strand ein Nest anzulegen.

Meeresschildkröten nutzen normalerweise beide Hinterflossen, um eine etwa 50 Zentimeter tiefe Nestgrube auszuheben. DOA konnte aufgrund ihrer fehlenden Flosse jedoch lediglich eine Vertiefung von etwa zehn bis 15 Zentimetern schaffen.

„Die Eier waren bereits entwickelt und befruchtet. Das Tier kam an den Strand, konnte aber kein richtiges Nest graben. Schließlich legte es seine Eier in der flachen Vertiefung ab und kehrte ins Meer zurück“, schilderte Canbolat.

Die EKAD-Mitarbeiter sammelten die oberflächlich abgelegten Eier ein und brachten sie in ein entsprechend vorbereitetes, tieferes Nest, wo sie geschützt werden konnten.

„Dieses Tier kämpft ums Überleben“

Canbolat erklärte, dass DOA nach seiner Einschätzung bereits mindestens 20 Jahre alt sei und trotz ihrer angeborenen Einschränkung das Erwachsenenalter erreicht habe. Sie habe sich fortgepflanzt und sei zum Eierlegen an den Strand zurückgekehrt.

Ob man dem Tier einen Satellitensender anbringen sollte, habe er zunächst lange überlegt.

„Dieses Tier lebt seit mindestens 20 Jahren unter diesen Bedingungen. Es hat sich fortgepflanzt und ist zum Eierlegen gekommen. Auch wenn es das Nest nicht richtig graben konnte, kämpft dieses Tier ums Überleben. Deshalb habe ich gesagt: Lasst uns den Sender anbringen. Ich wollte wissen, was es macht. Bleibt es an einem Ort? Wandert es weiter? Bleibt es in Antalya oder zieht es in andere Regionen? Jetzt wissen wir: Es ist tatsächlich bis an die Küste des Libanon gewandert“, sagte Canbolat.

Angeborene Fehlbildung durch Röntgen bestätigt

Zunächst hatten die Forscher vermutet, dass DOA ihre Flosse möglicherweise durch eine Verletzung verloren haben könnte. Bei der Untersuchung fanden sie jedoch keine entsprechenden Narben.

Auch eine manuelle Untersuchung brachte keine Hinweise auf verbliebene Knochenstrukturen. Die anschließenden Röntgenaufnahmen bestätigten schließlich, dass selbst der Bereich des Hüftgelenks, das sogenannte Acetabulum, nicht entwickelt war.

„Die Gliedmaße hat sich überhaupt nicht entwickelt. Bei Tieren mit einer solchen angeborenen Fehlbildung spricht man von Amelie“, erläuterte Professor Candan.

Wie gut kann DOA mit anderen Meeresschildkröten mithalten?

Besonders spannend sind für die Wissenschaftler nun die weiteren Bewegungsdaten. Sie wollen untersuchen, ob DOA trotz der fehlenden Hinterflosse dieselben Leistungen erbringen kann wie andere Unechte Karettschildkröten.

Dabei stehen unter anderem die täglichen Aktivitätszeiten, zurückgelegten Strecken und Schwimmgeschwindigkeiten im Mittelpunkt.

„Mich interessiert besonders, wie sich DOA im Vergleich zu anderen Schildkröten bewegt. Schwimmt sie genauso schnell? Legt sie täglich ähnliche Entfernungen zurück? Die bisher erkennbare Wanderroute ist erstaunlich regelmäßig. Auf den ersten Blick sind keine Auffälligkeiten zu erkennen. Eine abschließende Bewertung ist aber erst möglich, wenn wir die Aktivitätsdaten vollständig ausgewertet haben“, sagte Candan.

Die Auswertung der Satellitendaten läuft weiter. DOA könnte damit wichtige Erkenntnisse darüber liefern, wie sich Meeresschildkröten trotz schwerer angeborener körperlicher Einschränkungen an das Leben im Meer anpassen können.

(DHA)