DERTOUR-Studie: Europäische Urlauber wollen mehr als nur im Hotel bleiben – Antalya soll erlebbar werden

Bild: DHA
01.09.2026 – 17:00 Uhr

Für europäische Urlauber wird es zunehmend wichtiger, im Urlaub nicht möglichst viele Sehenswürdigkeiten abzuhaken, sondern eine Destination intensiv zu erleben. Das zeigt der European Travel Trend Report 2026 der DERTOUR Group. Trends wie Slow Travel, Digital Detox und Alleinreisen gewinnen an Bedeutung.

Für die Türkei und insbesondere für Antalya könnte diese Entwicklung neue Chancen eröffnen. Denn der Wettbewerb im Tourismus entscheidet sich nach Einschätzung der Studie künftig nicht mehr allein über Hotelkapazitäten und Preise, sondern zunehmend über die Qualität der Erlebnisse, die eine Destination ihren Gästen bietet.

Die im Februar 2026 in 13 europäischen Märkten mit 8.000 Menschen durchgeführte Untersuchung wurde mit Buchungsdaten der DERTOUR Group aus 16 Quellmärkten ergänzt. Das zentrale Ergebnis: Die Frage „Wie viel habe ich gesehen?“ wird zunehmend durch die Frage „Wie viel habe ich erlebt?“ ersetzt.

Slow Travel wird zum Mainstream

Laut Studie interessieren sich 53,2 Prozent der Europäer für Slow Travel – also eine bewusst langsamere und intensivere Form des Reisens.

58,5 Prozent der Slow-Travel-Interessierten wollen eine Destination ohne Zeitdruck erleben. Für 52 Prozent stehen weniger Stress und persönliches Wohlbefinden im Vordergrund. 22,9 Prozent möchten einen engeren Kontakt zur lokalen Bevölkerung und Kultur herstellen.

Auch insgesamt zeigt sich ein deutlicher Wandel: 63,6 Prozent der Befragten bevorzugen es, im Urlaub langsamer zu machen. 58,3 Prozent ziehen wenige, dafür unvergessliche Erlebnisse einer großen Zahl gewöhnlicher Aktivitäten vor. 55,4 Prozent möchten stärker mit der lokalen Kultur, Natur und Bevölkerung in Kontakt kommen.

Für Reiseziele bedeutet das: Nicht allein die Zahl der Sehenswürdigkeiten wird entscheidend, sondern wie intensiv Besucher eine Destination erleben können.

„Joy of Missing Out“ statt Urlaub im Dauerstress

Die Studie beschreibt diesen Wandel auch mit einem neuen Begriff: JOMO – Joy of Missing Out.

JOMO-Reisende versuchen nicht mehr, im Urlaub möglichst alles zu sehen und zu unternehmen. Sie verzichten bewusst auf bestimmte Programmpunkte, um mehr Zeit für einzelne Erlebnisse zu haben.

Weniger Termine, mehr Zeit und weniger Hektik – dafür intensivere Begegnungen mit Land und Leuten. Zu den wichtigsten Wünschen dieser Urlauber gehören längere Aufenthalte an einzelnen Orten, weniger Stress, besondere Erlebnisse, ein stärkerer Kontakt zur lokalen Kultur und eine bewusste Auszeit von der digitalen Welt.

Damit verändert sich auch das klassische „Bucket-List“-Reisen. Der Wert eines Reiseziels bemisst sich nicht mehr nur daran, wie viele Attraktionen es besitzt, sondern daran, wie die Besucher ihre Zeit dort verbringen.

Fast jeder zweite Europäer möchte im Urlaub digital abschalten

Auch der Wunsch nach einer digitalen Auszeit wächst. 48,9 Prozent der europäischen Reisenden sehen ihren Urlaub als Gelegenheit, Abstand von sozialen Medien und anderen digitalen Ablenkungen zu gewinnen.

Der Trend betrifft dabei nicht nur jüngere Menschen. Auch mehr als die Hälfte der 25- bis 44-Jährigen betrachtet den Urlaub als Möglichkeit, die digitale Vernetzung bewusst zu reduzieren.

Davon könnten insbesondere Angebote in den Bereichen Natur, Wellness, Ruhe, ländlicher Tourismus und weniger dicht besiedelte Reiseziele profitieren.

Jeder Dritte interessiert sich für Alleinreisen

Eine weitere Entwicklung ist die zunehmende Beliebtheit von Solo-Reisen. Rund 30 Prozent der Befragten planen oder erwägen eine Reise allein. Bei den 25- bis 34-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 32,6 Prozent, bei den 55- bis 65-Jährigen noch bei 25,3 Prozent.

Besonders groß ist das Interesse in Deutschland: 36,1 Prozent der Befragten können sich eine Alleinreise vorstellen. Es folgen Schweden mit 35 Prozent, Frankreich mit 32,2 Prozent, Großbritannien mit 29,8 Prozent und Polen mit 28,9 Prozent.

Gerade diese Länder gehören zu den wichtigen europäischen Quellmärkten für die Türkei und machen den Trend für die türkische Tourismusbranche besonders relevant.

Alleinreisende bleiben länger

Die Buchungsdaten der DERTOUR Group zeigen zudem, dass Alleinreisende wirtschaftlich interessant sein können. Sie bleiben durchschnittlich 10,4 Tage, während die durchschnittliche Aufenthaltsdauer aller Reisenden bei 8,9 Tagen liegt.

Auffällig ist außerdem die Saisonverteilung: 65 Prozent der Solo-Reisen finden außerhalb der Monate Juni bis August statt. Bei allen Reisenden liegt dieser Anteil bei 56 Prozent.

Für die Türkei könnte das insbesondere im Hinblick auf das Ziel eines ganzjährigen Tourismus interessant sein. Mit passenden Angeboten könnten Alleinreisende dazu beitragen, die Nachfrage in der Nebensaison und im Winter zu erhöhen.

Hotels müssen sich auf Solo-Gäste einstellen

Der wachsende Solo-Reisemarkt stellt auch die Hotellerie vor neue Herausforderungen. Ein Doppelzimmer einfach an eine Einzelperson zu verkaufen, reicht demnach möglicherweise nicht aus.

38,4 Prozent der potenziellen Alleinreisenden wünschen sich speziell für Einzelpersonen geeignete Zimmerangebote. 27,9 Prozent möchten Möglichkeiten, Menschen mit ähnlichen Interessen kennenzulernen.

26,9 Prozent interessieren sich für personalisierte Angebote und ausgewählte Erlebnisse. 25,3 Prozent wünschen sich außerdem eine Anlaufstelle, an die sie sich bei Bedarf wenden können.

Für Antalya wird das Erlebnis außerhalb des Hotels wichtiger

Für die Türkei liegt eine der wichtigsten Botschaften der Studie darin, dass sich der Schwerpunkt des Tourismusprodukts zunehmend von der Unterkunft auf die gesamte Destination verlagert.

Antalya verfügt über eine starke Resort- und Hotelinfrastruktur. Künftig könnte es jedoch noch wichtiger werden, diese mit Gastronomie, Kultur, Archäologie, Natur, Wander- und Fahrradrouten, lokalen Produzenten, Wellnessangeboten und dem Leben in der Stadt zu verbinden.

Der Urlauber soll demnach nicht nur mehr Gründe bekommen, das Hotel zu verlassen. Er soll die Möglichkeit erhalten, Antalya intensiver kennenzulernen und eine persönliche Verbindung zur Destination aufzubauen.

Kaan Kavaloğlu: „Der Wettbewerb wird nicht mehr nur über Betten und Preise ausgetragen“

Kaan Kavaloğlu, Präsident des türkischen Hotelierverbands AKTOB, sieht in dieser Entwicklung eine wichtige Chance für die Türkei.

Der Urlauber wolle heute zunehmend nicht möglichst viele Orte besuchen, sondern die Destination, in der er sich aufhält, intensiver erleben, mit der lokalen Kultur in Kontakt kommen, Natur erleben und Zeit für sich selbst haben.

„Die Türkei und insbesondere Antalya verfügen über ein sehr starkes Hotelprodukt. Im nächsten Schritt müssen wir diese Stärke auf die gesamte Destination ausweiten“, erklärte Kavaloğlu.

Besucher müssten leichter vom Hotel in die Stadt, zu gastronomischen Angeboten, kulturellen und archäologischen Sehenswürdigkeiten sowie in die Natur und zu lokalen Angeboten gelangen können. Je länger und intensiver Touristen eine Destination erleben, desto größer sei auch das Potenzial für nachhaltiges Wachstum der Tourismuseinnahmen.

Auch das Potenzial von Solo-Reisen in der Nebensaison hob Kavaloğlu hervor. Dass Alleinreisende länger blieben und einen großen Teil ihrer Reisen außerhalb der Hochsaison unternähmen, sei für die Branche besonders interessant.

Die neue Frage im Tourismus

Die Ergebnisse der DERTOUR-Studie deuten auf einen grundlegenden Wandel des europäischen Reiseverhaltens hin. Die Menschen wollen weiterhin reisen – sie wollen ihre Zeit am Urlaubsort jedoch bewusster nutzen.

Slow Travel, JOMO, Digital Detox und Solo-Reisen verfolgen dabei ein gemeinsames Ziel: mehr Freiheit, weniger Stress und intensivere Erlebnisse.

Für Antalya könnte daraus eine klare Aufgabe entstehen: Das starke Hotelangebot muss stärker mit der Stadt, der Natur, der Kultur und dem lokalen Leben verbunden werden.

Die entscheidende Frage im Tourismus könnte deshalb künftig nicht mehr nur lauten: „Wie viele Gäste sind gekommen?“

Sondern: „Was haben sie erlebt, wie lange sind sie geblieben – und mit welchem Gefühl sind sie nach Hause gefahren?“