Antalyas „zweite Seite”: Warum der Massentourismus an der Türkischen Riviera an seine Grenzen stößt

26.10.2026 – 8:00 Uhr

AKTOB-Präsident Kavaloğlu fordert neue Reisegründe abseits der Küste und warnt vor einer einseitigen Abhängigkeit von Sonne, Strand und Frühbucherrabatten.

Antalya solle nach Ansicht des Hotelierverbands sein touristisches Profil grundlegend erweitern. Laut Kavaloğlu müssten das kulturelle Erbe, die Gastronomie, die Naturreichtümer und das ländliche Leben der Region zu eigenständigen Reiseanlässen entwickelt werden. Das Ziel sei, das Erlebnis Antalya zu bereichern und die Tourismusströme auf ein größeres geografisches Gebiet sowie auf verschiedene Jahreszeiten zu verteilen.

Die Türkei gehöre mit ihrer starken Beherbergungsinfrastruktur, ihren Flugverbindungen und ihrer Servicekapazität zu den bedeutenden Tourismusländern der Welt. Antalya bleibe eine der stärksten Säulen dieses Erfolgs. Zwar setze sich das globale Tourismuswachstum fort, doch die Branche sei in eine neue Phase eingetreten. Die steigenden Besucherzahlen müssten in höhere Wertschöpfung, leistungsfähigere Betriebe und nachhaltige Tourismuszentren überführt werden.

„Warum sollte ich dorthin reisen?”

Kavaloğlu wies darauf hin, dass sich kulturelle Ressourcen, Verkehrsinfrastruktur und Tourismusdienstleistungen weiterentwickeln, während der Preiswettbewerb zunehmend unter Druck gerät. Dies verändert das Wettbewerbsfeld der Destinationen. Der heutige Besucher sucht nicht mehr nur eine Antwort auf die Frage „Wohin kann ich reisen?“, sondern fragt auch: „Warum sollte ich dorthin reisen, und welches Erlebnis erwartet mich dort?“ Das Tourismuspotenzial des Landes dürfe nicht allein anhand von Küsten, Bettenkapazitäten oder bestehenden Produkten bewertet werden. Archäologisches Erbe, Gastronomie, Naturwerte, ländliches Leben, traditionelle Produktionskultur und unterschiedliche Regionen böten eine weit umfassendere touristische Geschichte.

Der AKTOB-Präsident betonte, dass es darauf ankomme, die vorhandenen Werte in Produkte zu verwandeln, die internationale Besucher leicht erreichen und erleben können. Dies werde in der kommenden Periode ein zentrales Wettbewerbsfeld sein. Neben dem starken Küstentourismus müssten auch die übrigen Werte der Destination für die Tourismuswirtschaft erschlossen werden.

Potenzial im Taurusgebirge

Als eine Region, die den Küstentourismus ergänzen könnte, nannte Kavaloğlu Akseki. Die traditionelle Architektur, die historischen Wege, die Naturschätze und die lebendige Kultur des Taurusgebirges böten erhebliches Potenzial. Es gehe jedoch nicht darum, eine Alternative zum Küstentourismus zu schaffen, sondern das Antalya-Erlebnis zu erweitern und die Zahl der Reiseanlässe zu erhöhen. Auf diese Weise lasse sich die Aufenthaltsdauer der Besucher und ihre Bindung an die Destination stärken und die Tourismusbewegung breiter über das Jahr und die Region verteilen.

Verändertes Buchungsverhalten in Europa

Laut Kavaloğlu wirken sich wirtschaftliche Unsicherheiten und steigende Lebenshaltungskosten in den europäischen Quellmärkten unmittelbar auf die Reiseentscheidungen aus. Die Entwicklungen in Deutschland, Großbritannien und Polen müssten aufmerksam beobachtet werden. Während Frühbucherangebote, Pauschalreisen und Preisgarantien weiterhin von Bedeutung sind, entstehen zugleich flexiblere und individuellere Reisemodelle. Die Tourismusnachfrage lässt sich daher nicht mehr über ein einziges Besucherprofil oder ein einziges Buchungsmodell erfassen. Bei der Vorbereitung auf die Saison 2027 müssen deshalb neben den Buchungsvolumina auch das Verbrauchervertrauen, die Ausgabenentwicklung und die sich wandelnden Reisemotive in den Quellmärkten berücksichtigt werden.

Fokus auf Ertragsqualität

Laut Kavaloğlu hätten die Schwierigkeiten der Branche in den vergangenen Jahren die Frage nach der Rentabilität des Umsatzwachstums in den Vordergrund gerückt. In der stark investitionsabhängigen Beherbergungsbranche müsse die finanzielle Widerstandsfähigkeit der Betriebe erhalten bleiben. Bei der Bewertung der Saison 2026 dürfe daher nicht nur auf Auslastungsquoten und Besucherzahlen geschaut werden, sondern es müsse auch die Ertragsqualität, das Kostenmanagement und die langfristige Investitionsfähigkeit der Unternehmen berücksichtigt werden.

COP31 als Wegmarke

Die im November in Antalya stattfindende Klimakonferenz COP31 biete neben größerer internationaler Sichtbarkeit die Gelegenheit, die Zukunft des Tourismus unter Nachhaltigkeitsaspekten zu bewerten. Themen wie Klimawandel, Schutz der Wasserressourcen, Energieeffizienz und nachhaltiges Destinationsmanagement betreffen längst nicht mehr nur die Umweltagenda, sondern unmittelbar die wirtschaftliche Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit der Branche. Für die Saison 2027 lautet die entscheidende Frage daher nicht mehr nur, wie stark der Tourismus wachsen wird, sondern wie das Wachstum gestaltet wird, welcher Wert entsteht und wie dieser Wert in die Zukunft der Destination getragen wird.