Die Küste von Antalya zählt laut dem Unterwasserhistoriker Mustafa Aydemir zu den bedeutendsten Unterwasser-Archiven der Welt. Zwischen antiken Schiffswracks und Relikten aus den beiden Weltkriegen liegen zahlreiche Spuren vergangener Epochen auf dem Meeresgrund. Aydemir hat einige davon in seinem Buch „10 Batık 10 Hikaye“ („10 Wracks, 10 Geschichten“) zusammengetragen.
Von der Bronzezeit bis zu den Weltkriegen
Antalya sei ein wahres Paradies für Unterwasserhistoriker und Wracktaucher, sagt Aydemir. Zu den bekanntesten Funden gehören das Gelidonya-Wrack und das Uluburun-Wrack vor Kaş.
Das Gelidonya-Wrack wird auf etwa 1200 v. Chr. datiert, das vor Kaş entdeckte Uluburun-Wrack auf etwa 1300 v. Chr. Beide zählen zu den bedeutendsten antiken Schiffswracks der Unterwasserarchäologie.
Doch die Unterwassergeschichte der Region reicht weit über die Antike hinaus. Vor der Küste Antalyas finden sich auch Wracks aus der Römerzeit sowie aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Jedes Wrack erzählt seine eigene Geschichte
Aydemir bezeichnet die Wracks als „Zeitkapseln“, die über Jahrtausende im Meer erhalten geblieben seien. Sie seien weit mehr als bloße Schiffsreste: Jedes Wrack könne wichtige Informationen über die Vergangenheit liefern.
Besonders die Kriegsschiffe und ihre Schicksale stehen im Mittelpunkt seines Buches. „Unter jedem Schiff liegt eine Geschichte“, sagt Aydemir. Wer diesen Geschichten nachgehe, könne auf bemerkenswerte historische Zusammenhänge stoßen.
Mustafa Ertuğrul und die Spuren des Ersten Weltkriegs
Eine besondere Rolle spielt dabei der osmanische Offizier Mustafa Ertuğrul, der während des Ersten Weltkriegs vor Antalya gegen britische und französische Kriegsschiffe kämpfte.
Nach Angaben Aydemirs gelang es Ertuğrul, mit vergleichsweise kleinen Geschützen gegnerische Kriegsschiffe zu versenken. Zugleich hebt der Unterwasserhistoriker dessen Verhalten gegenüber feindlichen Soldaten hervor: Ins Meer gefallene Soldaten seien gerettet und medizinisch versorgt worden.
Ertuğruls militärische Erfolge, aber auch seine Menschlichkeit und sein humanitäres Verhalten müssten stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden, so Aydemir.

Auch der Zweite Weltkrieg hinterließ Spuren
Zu den historischen Wracks vor Antalya gehört auch die „Saint Didier“, die während des Zweiten Weltkriegs sank. Das Schiff transportierte Waffen und Munition. Laut Aydemir steht sein Untergang mit Entwicklungen in Verbindung, die den Verlauf des Krieges beeinflussten.
Gleichzeitig vermutet der Forscher weitere bislang unentdeckte Wracks vor der Küste. Besonders die Meeresgebiete vor den Flussmündungen von Köprüçay und Manavgat hält er für interessant. Dort würde er unter anderem gerne nach den Überresten der 200 Schiffe suchen, die mit Hannibal in Verbindung gebracht werden.
Forderung nach einem Schifffahrtsmuseum
Aydemir sieht in Antalyas Unterwasser-Kulturerbe auch ein bislang nicht ausreichend genutztes touristisches Potenzial. Neben dem klassischen Bade- und Strandtourismus könne die Stadt mit ihrer maritimen Geschichte neue Besucher ansprechen.
Dafür brauche Antalya ein eigenes Schifffahrtsmuseum. Ein solches Museum könnte die zahlreichen Funde und Forschungsergebnisse dauerhaft präsentieren und zugleich die Bevölkerung stärker mit dem Meer und der maritimen Kultur der Region verbinden.