Antalya unter Druck: Europas Touristen suchen mehr als All-inclusive

Bild: DHA
18.09.2026 – 8:00 Uhr

In den ersten acht Monaten 2026 sind die Besucherzahlen aus mehreren wichtigen europäischen Quellmärkten in Antalya zurückgegangen. Tourismus-Experte Recep Yavuz sieht darin ein Warnsignal: Ein reichhaltiges All-inclusive-Angebot allein reiche für europäische Urlauber zunehmend nicht mehr aus.

Der Vorsitzende der Tourismus-Arbeitsgruppe des Stadtrats von Antalya, Recep Yavuz, hat die Tourismuszahlen der türkischen Mittelmeerprovinz für Januar bis August 2026 ausgewertet. Besonders auffällig sei die Entwicklung in wichtigen europäischen Märkten wie Deutschland und Großbritannien. Auch Polen und die Niederlande verzeichneten Rückgänge.

„Die europäischen Märkte senden ein SOS“, sagte Yavuz. In vier der fünf wichtigsten Quellmärkte Antalyas seien die Besucherzahlen gesunken. Der Rückgang bei den Gästezahlen könne sich entsprechend auch auf die möglichen Tourismuseinnahmen auswirken.

Rund eine halbe Milliarde Euro mögliches Minus

Nach Einschätzung von Yavuz hat Antalya gegenüber dem Vorjahr rund 672.000 Besucher verloren. Unter der Annahme, dass diese Gäste durchschnittlich 750 bis 800 Euro ausgegeben hätten, ergebe sich daraus ein potenzieller Einnahmeverlust von rund einer halben Milliarde Euro.

Yavuz betonte zugleich, dass es sich dabei nicht um eine endgültige Berechnung der tatsächlichen Einnahmeverluste, sondern um eine Schätzung zur Veranschaulichung der wirtschaftlichen Größenordnung handele.

26 der 30 wichtigsten Märkte rückläufig

Auch die Entwicklung der 30 wichtigsten Quellmärkte zeigt laut Yavuz ein deutliches Minus. In 26 Märkten gingen die Besucherzahlen zurück, während nur vier Länder ein Wachstum verzeichneten: Russland, die Ukraine, Ungarn und Usbekistan.

Die vier wachsenden Märkte brachten zusammen lediglich rund 48.000 zusätzliche Besucher. Demgegenüber stand ein Rückgang von rund 640.000 Gästen in den 26 Märkten mit negativer Entwicklung. Daraus ergibt sich laut Yavuz ein Nettoverlust von etwa 592.000 Besuchern in den 30 wichtigsten Quellmärkten. Rund 88 Prozent des gesamten Rückgangs ausländischer Besucher in Antalya entfielen demnach auf diese Ländergruppe.

Von Wachstum zu Rückgang

Yavuz beschreibt die vergangenen fünf Jahre als unterschiedliche Phasen: Auf starkes Wachstum zwischen 2022 und 2024 sei 2025 eine Phase der Stagnation und 2026 nun ein Rückgang gefolgt.

Besonders kritisch sei die Entwicklung auf den europäischen Märkten. Als mögliche Ursachen nennt Yavuz unter anderem die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten, schwankende Ölpreise, wirtschaftlichen Druck und steigende Lebenshaltungskosten in den Herkunftsländern, das Sicherheitsgefühl der Reisenden, die Entwicklung konkurrierender Reiseziele sowie das Preis-Leistungs-Verhältnis in Antalya.

Dabei verwies er darauf, dass die Zahl internationaler Besucher in Europa im ersten Halbjahr 2026 nach Untersuchungen um fünf Prozent gestiegen sei. Die Zahl der Übernachtungen habe um 4,8 Prozent zugenommen. Die wirtschaftlichen Unsicherheiten und geopolitischen Risiken hätten die Reiselust demnach nicht grundsätzlich beendet, die Urlauber jedoch wählerischer gemacht.

Konkurrenz aus Spanien, Griechenland und Ägypten

Nach Einschätzung von Yavuz müsse Antalya deshalb auch die Entwicklung seiner Konkurrenten im Mittelmeerraum berücksichtigen. Spanien, Griechenland, Italien, Malta und Portugal hätten 2026 ihr Wachstum fortgesetzt.

Das Problem sei nicht, dass europäische Urlauber grundsätzlich auf Reisen verzichteten. Vielmehr könne Antalya an Gewicht bei der Auswahl des Urlaubsziels verlieren.

Geopolitische Entwicklungen, Einschränkungen im Luftraum und Flugausfälle hätten die Buchungen zweifellos beeinträchtigt. Yavuz sieht darin jedoch nicht die alleinige Erklärung für den Rückgang. Die Abschwächung habe bereits 2025 begonnen.

Als einen möglichen entscheidenden Faktor nennt er eine Verschlechterung der Preis-Leistungs- beziehungsweise Wertwahrnehmung.

Nicht nur Hotel und Flug zählen

Für die Wahrnehmung des Preisniveaus sei nicht allein der Preis des Hotels, des Flugtickets oder der Pauschalreise entscheidend. Auch Ausgaben vor Ort spielten eine Rolle – vom Wasser am Flughafen über Taxifahrten und Restaurantbesuche bis hin zu Eintrittspreisen für historische Stätten.

Die zunehmende Wahrnehmung, dass die Türkei teurer geworden sei, könne dadurch verstärkt werden. Gleichzeitig würden einzelne negative Erfahrungen über soziale Netzwerke schnell einem großen Kreis potenzieller Reisender bekannt.

Europäische Urlauber verglichen die Preise laut Yavuz zudem nicht nur mit den Preisen, die Antalya vor fünf Jahren verlangt habe. Entscheidend sei vielmehr der Vergleich mit aktuellen Angeboten in Ländern wie Ägypten, Griechenland oder Spanien.

Preisbewusste Reisende könnten sich für Ägypten entscheiden, während Urlauber auf der Suche nach anderen Produkten und Erlebnissen Griechenland oder Spanien in Betracht ziehen könnten. Konkrete Daten darüber, welche nicht nach Antalya gereisten Urlauber tatsächlich in welches andere Land ausgewichen seien, lägen allerdings nicht vor.

All-inclusive allein reicht nicht mehr

Yavuz sieht in der Entwicklung eine deutliche Aufforderung zum Handeln. Antalya müsse seine Preise stärker mit den tatsächlichen Angeboten konkurrierender Reiseziele vergleichen und dabei die gesamten Urlaubskosten berücksichtigen.

Auch Veränderungen bei Flugkapazitäten und Kontingenten der Reiseveranstalter müssten nach Herkunftsmärkten untersucht werden. Gleichzeitig seien Servicequalität, nachhaltige Gästezufriedenheit, das Sicherheitsgefühl sowie das Angebot jenseits von Meer, Strand und Sonne entscheidend.

Das klassische All-inclusive-Modell mit großen Buffets, hoher Bettenkapazität und einem attraktiven Strandangebot reiche nach Einschätzung von Yavuz nicht mehr allein aus. Europäische Urlauber würden zunehmend nach Reisezielen suchen, die unterschiedliche Erlebnisse bieten und bei denen das Verhältnis zwischen Preis und gebotener Leistung stimmt.

Antalya müsse daher seine Stärken stärker herausstellen und gleichzeitig das gesamte Urlaubserlebnis in den Blick nehmen – nicht nur die Unterkunft.