Es ist eine der wertvollsten Tourismus-Kulissen der Welt: türkisfarbenes Wasser, endlose Strände und Postkartenbuchten. Doch das Paradies an der Türkischen Riviera ist bedroht – durch Plastik, unsichtbare Geisternetze sowie den täglichen Druck von Massentourismus und Intensivlandwirtschaft. Jetzt schlägt die Stadt zurück. Kurz vor dem internationalen Klimagipfel COP31 hat die Gouverneursverwaltung von Antalya mit der „Blaue-Mittelmeer-Initiative“ (Mavi Akdeniz İnisiyatifi) eine groß angelegte Rettungsmission gestartet.
Mit dem ehrgeizigen Programm will die Behörde die 640 Kilometer lange Küstenlinie zwischen Gazipaşa und Kaş unter einen umfassenden Schutzschirm stellen. Es geht nicht mehr nur um kosmetische Säuberungen, sondern um eine Systemwende. „Unser wertvollstes Kapital im Tourismus ist unser sauberes Meer. Das verkaufen wir – und darauf sind wir stolz“, erklärte Gouverneur Hulusi Şahin bei der Vorstellung der Initiative. Zwar ist Antalya mit 233 Blauen Flaggen Weltspitze, doch Şahin warnt: Dieser Status sei kein Naturgesetz.
Der Maßnahmenkatalog der „Blauen Initiative“ liest sich wie ein Krisen-Interventionsplan. Eine der größten Baustellen liegt unter Wasser: Sogenannte Geisternetze – verlorene Fischernetze, die am Meeresboden jahrelang weiter töten – werden nun systematisch geborgen. Parallel dazu versenkt die Stadt künstliche Riffe, um die zerstörte marine Biodiversität wiederzubeleben und neue Lebensräume zu schaffen.
Der Kampf gegen die unsichtbare Verschmutzung von Land aus ist besonders brisant. Da Antalya nicht nur ein Tourismus-Hotspot, sondern auch ein agrarindustrielles Zentrum ist, gelangen Pestizide und vor allem Plastikabfälle über Bäche ins Meer. Abhilfe sollen mechanische Barrieren an den Mündungen sowie spezielle „Müllfallen“ und Meer-Kehrfahrzeuge schaffen, die die Abfälle abfangen, bevor sie das offene Wasser erreichen. An Land wird derweil das öffentliche Wassernetz ausgebaut, um durch kostenlose Trinkwasserstationen die Flut an Einweg-Plastikflaschen einzudämmen.
Doch Şahin setzt nicht nur auf Hochtechnologie und Verbote, sondern auch auf Vorzeigeprojekte der heimischen Wirtschaft für die anstehende COP31: „Es geht um die Frage: Wie können wir Landwirtschaft und Industrie betreiben, ohne die Umwelt zu zerstören?” Er verweist auf Gewächshäuser, die CO₂ binden, Regenwasser ernten und komplett ohne chemische Mittel auskommen. Diese Erfolgsgeschichten wolle man der Weltgemeinschaft präsentieren, so Şahin.
Flankiert werden die technischen Maßnahmen von einer gesellschaftlichen Offensive für die junge Generation. Mit Umweltspielen und Animationen sollen Kinder für das Thema sensibilisiert werden. An den Stränden selbst greift die Verwaltung zudem hart durch: Mit der Einführung von „rauchfreien Stränden” soll nicht nur die Luft gereinigt werden, sondern auch das lästige Problem der weggeworfenen Zigarettenkippen im Sand bekämpft werden. Das Ziel der Kampagne ist ein langfristiger Kulturwandel: Die Gäste sollen das Meer genießen, ohne eine Spur zu hinterlassen – außer Fußabdrücke im Sand.