24 Jahre nach dem historischen dritten Platz bei der Weltmeisterschaft 2002 ist die türkische Nationalmannschaft wieder auf der großen Bühne zurück. Doch mit der bloßen Teilnahme geben sich die Spieler Kerem Aktürkoğlu und Orkun Kökçü nicht zufrieden. Vor dem Auftaktspiel in Gruppe D gegen Australien sprachen beide von einer neuen Geschichte, die nun geschrieben werden solle, und von großen Ambitionen.
Bei der Pressekonferenz im Trainingslager in Mesa, Arizona, machte Kerem Aktürkoğlu deutlich, dass das Team den nächsten Schritt gehen will: „Wir schreiben weiter an unserer Geschichte. Und wir wollen diese Geschichte erfolgreich zu Ende bringen. Die Weltmeisterschaft ist enorm wichtig. Bei der Europameisterschaft haben wir eine schöne Geschichte geschrieben, so eine soll es jetzt auch hier werden.“ Der 27-Jährige bestätigte, dass er seine Verletzung überstanden habe, und unterstrich den gewachsenen Anspruch im Kader. „Nur hierherzukommen und teilzunehmen, darf nicht schon der Erfolg sein. Wir sind mit den Geschichten unserer Vorgänger vom dritten Platz aufgewachsen. Viele im aktuellen Kader können sich an diese Spiele gar nicht erinnern. Jetzt wollen wir selbst etwas erreichen“, so Aktürkoğlu.
Auch Orkun Kökçü, der früher gemeinsam mit Aktürkoğlu bei Benfica Lissabon gespielt hat, sieht das genauso. „Teilzunehmen ist nicht wichtig, wir wollen etwas erreichen. Dafür arbeiten wir hart. Wir werden eine gute Geschichte schreiben“, sagte der Mittelfeldspieler. Besonders emotional sei der Moment des entscheidenden Tores in der Qualifikation gegen den Kosovo gewesen, als Kökçü auf Aktürkoğlu vorbereitet hatte. „Da gab es keine Diskussion, wer den Ball über die Linie drückt. Wichtig war nur, dass kein Abseits vorlag. Als der Schiedsrichter das Tor gab, sind wir vor Freude ausgeflippt. Es war das Tor, das uns zur WM gebracht hat. So etwas schweißt zusammen“, erklärte Kökçü.
Montellas Taktikfuchs und die erhoffte Final-Sehnsucht
Beide Profis hoben die akribische Arbeit von Trainer Vincenzo Montella hervor. Die vielen taktischen Sitzungen seien zwar durchaus fordernd, so die Spieler. „Der Trainer ist extrem detailverliebt. Er liebt Besprechungen und fordert uns damit manchmal ganz schön. Aber wenn wir auf den Platz gehen, kennen wir jede Information über den Gegner. Das gibt Sicherheit“, beschrieb Aktürkoğlu den italienischen Coach. Kökçü ergänzte schmunzelnd: „Ich bin einer der Spieler, die bei den Meetings am meisten kämpfen, aber es ist gut. Der Plan ist immer glasklar.“ Die Mannschaft nimmt den WM-Auftakt demnach nicht als exotischen Ausflug, sondern als hochprofessionelle Mission wahr. Aktürkoğlu erklärte, dass man nach den durchwachsenen Testspielen, etwa gegen Venezuela, sofort das Gespräch gesucht habe. Seit drei Tagen konzentriere man sich nun ausschließlich auf den ersten Gegner Australien. Die schwierigen klimatischen Bedingungen mit extremer Hitze wollen beide nicht als Ausrede gelten lassen. „Über die Bedingungen zu klagen, bringt uns nicht weiter. Wir müssen uns anpassen. Zum Glück finden alle drei Gruppenspiele abends statt“, sagte der Offensivspieler.
Generation 2026 will die Helden von 2002 entthronen
Der in den Niederlanden geborene Kökçü erinnerte sich daran, wie er 2010 den Finaleinzug der Niederlande miterlebte. „Damals habe ich als Kind gesehen, was eine WM auslösen kann. Ich habe geträumt, das selbst einmal zu erleben. Jetzt sind wir hier. Hoffentlich können wir selbst bis ins Finale vorstoßen.“ Um dieses Ziel zu erreichen, sei jeder Spieler im Kader wichtig, so das Duo mit Blick auf den aktuell noch leicht angeschlagenen Kenan Yıldız. Dessen Zustand verbessere sich täglich. „Wir hoffen, dass alle fit werden. Dann wird die Entscheidung für den Trainer noch schwerer, aber das ist gut so“, sagte Aktürkoğlu. Die Türken seien eine emotionale Nation, so der Tenor des Teams, und diese Kraft wolle man auf den Platz bringen. Kökçü brachte das neue Selbstverständnis auf den Punkt: „Was wir am meisten wollen, ist, dass der Gegner Angst vor uns bekommt, wenn wir das Feld betreten. Wir haben viele Top-Spieler, die auf höchstem Niveau spielen. Dieses Gefühl wollen wir als Team ausstrahlen.“ Nach 24 Jahren Abstinenz soll aus der Romanze mit dem Turnier eine dauerhafte Erfolgsgeschichte werden.