Türkei rüstet sich für Olympia 2028: Staat finanziert Rekordanwerbung von Leichtathletikstars

08.03.2026 – 7:00 Uhr

Nach dem enttäuschenden Abschneiden bei den Sommerspielen in Paris schlägt die Türkei einen ungewöhnlichen Weg ein, um bei den Spielen 2028 in Los Angeles ganz vorne mit dabei zu sein. Mit einem mehrere Jahre laufenden und millionenschweren Förderprogramm sollen ausländische Spitzenathleten an den Bosporus gelockt werden. Während Kritiker von einem Ausverkauf sprechen, sehen die Verantwortlichen darin ein langfristiges humanistisches Projekt.

Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris blieb die türkische Delegation trotz acht Medaillen ohne einen einzigen Sieg, was in der Sportführung des Landes für Ernüchterung sorgte. Die Konsequenz ist ein beispielloses Scouting-Programm, das gezielt die erfolgreichsten Läufer- und Werfer-Nationen der Welt ins Visier nimmt.

Gleich neun Top-Athleten aus Jamaika und Kenia haben nach Angaben des türkischen Verbandes bereits zugesagt, künftig unter der Flagge mit dem Halbmond starten zu wollen. Das Aufgebot liest sich wie das Who-is-Who der Leichtathletik: Der Speerwerfer Roje Stona, der in Paris Olympiagold gewann, sowie die Medaillengewinner Wayne Pinnock (Silber im Weitsprung) und Rajindra Campbell (Bronze im Kugelstoßen) wechseln ebenso die Nation wie das kenianische Ausnahmetalent Brigid Kosgei, die ehemalige Marathon-Weltrekordhalterin.

„Keine Söldner”, aber üppige Prämien

Die Koordinatoren des Projekts weisen jedoch den Vorwurf entschieden zurück, es handele sich schlicht um gekaufte Staatsbürgerschaften. Man habe bereits 30 andere Anfragen, darunter von US-Amerikanern, abgelehnt, bei denen ausschließlich finanzielle Motive im Vordergrund gestanden hätten. „Dies ist der langfristigste und humanistischste Einbürgerungsplan der Welt”, heißt es aus dem Team um den Olympia-Koordinator.

Dennoch ist die Unterstützung üppig: Laut Verbandsangaben erhalten die Athleten ein monatliches Gehalt zwischen 3.000 und 7.000 US-Dollar. Hinzu kommen hohe Erfolgsprämien. Für einen Olympiasieg erhält ein Athlet 1.000 „Goldstücke der Republik” (Cumhuriyet Altını) im Wert von mehr als einer Million Dollar. Zudem erhalten die Neuzugänge eine sogenannte Eingliederungshilfe von bis zu 300.000 US-Dollar, die über einen Zeitraum von 30 Monaten ausgezahlt wird. Diese Summe soll vor allem die Einkommensausfälle durch entgangene Sponsorenverträge und Siegprämien abfedern. Aufgrund der dreijährigen Wechselsperre dürfen die Aktiven zunächst nicht an internationalen Großereignissen teilnehmen.

„Loyalität zahlt keine Rechnungen”

Die Motivation der Athleten ist offenbar vielschichtig. Während der türkische Verband betont, dass einige der Sportler von ihren Heimatverbänden vernachlässigt wurden, zeigen sich die Athleten in Interviews pragmatisch. „Ich liebe mein Land, aber Loyalität zahlt keine Rechnungen”, wird Weitspringer Pinnock zitiert. Sein neuer Teamkollege Stona hätte ohne die finanzielle Absicherung aus der Türkei wohl Schwierigkeiten gehabt, seine Karriere fortzusetzen.

Innerhalb der türkischen Leichtathletik-Community stößt die Aktion jedoch nicht nur auf Gegenliebe. Einheimische Athleten und Trainer sehen ihre Aufstiegschancen schwinden. Die Verantwortlichen argumentieren dagegen mit einem Domino-Effekt: Die Stars sollen als Zugpferde fungieren und das Interesse am Sport im eigenen Land beflügeln.

Ob die Wechsel tatsächlich zustande kommen, entscheidet letztlich der Weltverband World Athletics. Dieser fordert einen „echten Bezug” zum neuen Heimatland – eine Hürde, die in der Vergangenheit jedoch oft als Formsache galt. Die Türkei hat bereits mehrfach ausländische Sportler integriert und könnte mit diesem Coup in Los Angeles erstmals wieder eine goldene Medaille gewinnen.