Während die Stimmen aus dem italienischen Lager kleinlaut sind, ist die Vorfreude in Istanbul riesig: Galatasaray steht vor dem größten europäischen Erfolg seit zwölf Jahren. Nach dem beeindruckenden 5:2-Sieg im Hinspiel der Champions-League-Play-offs reisen die “Löwen” am Mittwochabend (21:00 Uhr MEZ) mit einer mehr als komfortablen Ausgangsposition zum Rückspiel nach Turin. Der Einzug ins Achtelfinale wäre die Krönung einer starken Champions League-Saison und eine ganz besondere Genugtuung.
Es wäre nämlich nicht irgendein Weiterkommen. Ausgerechnet Juventus, jener Gegner, der 2013 in einer denkwürdigen Schneenacht in Istanbul als Gruppensieger gestoppt wurde, soll erneut als Brücke zu den letzten 16 dienen. Ein Déjà-vu, das die türkische Fußballseele elektrisiert. Die Ausgangslage könnte nicht besser sein: Drei Tore Vorsprung, die formschwachen Italiener vor einem Scherbenhaufen und eine Mannschaft, die trotz eines Ausrutschers in der Liga an sich glaubt.
Komfortables Polster, klare Mission
Zwar kassierte die Elf von Okan Buruk am Wochenende eine unerwartete 0:2-Niederlage gegen Konyaspor, doch der Fokus liegt längst auf Turin. „Wir haben noch nichts gewonnen”, warnte Buruk zwar unmittelbar nach dem Hinspiel, doch die Lockerheit im Team ist spürbar. Allein die Rückkehr von Mittelfeldmotor Mario Lemina, der im Hinspiel gesperrt zusehen musste und nun ausgerechnet auf seinen Ex-Klub trifft, gibt zusätzliche Sicherheit. Für den Gabuner wäre es eine besondere Rückkehr, denn von 2015 bis 2017 trug er das Juve-Trikot.
Trainer Buruk kann personell nahezu aus dem Vollen schöpfen. Die großen Sorgen um Torjäger Victor Osimhen haben sich offenbar gelegt. Der Nigerianer, der gegen Konyaspor noch geschont wurde, ist mit nach Turin gereist und soll zumindest für den Schlussspurt bereitstehen. Hinter den Kulissen läuft bereits die Planung für das Achtelfinale, in dem entweder der FC Liverpool oder Tottenham Hotspur der Gegner wäre.
Dennoch wäre es nicht Galatasaray, wenn nicht auch Risiken lauern würden. Vier Spieler – Ismail Jakobs, Davinson Sánchez, Noa Lang und Abdülkerim Bardakcı – sind gelb-gefährdet und würden im Falle einer Verwarnung im möglichen Achtelfinal-Hinspiel zusehen müssen. Eine Hypothek, die Buruk aber kaum von seiner offensiven Grundhaltung abbringen wird. Offiziell reicht den Gästen sogar eine Zwei-Tore-Niederlage, um sich für das Viertelfinale zu qualifizieren. Erst ab drei Toren Unterschied gäbe es eine Verlängerung, bei vier oder mehr Toren Unterschied wäre Juventus weiter.
Juventus am Boden – Krise trifft auf Personalsorgen
Doch derzeit wirken die Italiener nicht fähig zu einem solchen Kraftakt. Die Alte Dame ist seit fünf Spielen sieglos, kassierte zuletzt eine peinliche 0:2-Heimniederlage gegen Como und präsentiert sich in der Defensive derart anfällig, dass Galatasarays Offensive mit den pfeilschnellen Lang und Yunus Akgün davon profitieren dürfte. Hinzu kommen Ausfälle von Leistungsträgern: Juan Cabal und Andrea Cambiaso sind gesperrt, Dusan Vlahovic und Gleison Bremer verletzt.
Trotz der dominanten Position warnt man bei Galatasaray vor Übermut. Die Stimmung in der Kabine sei fokussiert, aber nicht euphorisch. Bei einigen Spielern sitzt die Erinnerung an die vergangene Saison, als man ebenfalls gut dastand und dann doch strauchelte, noch zu tief. Doch die Chance ist historisch: Zum ersten Mal seit der Saison 2013/14 winkt wieder das Achtelfinale der Champions League.
Und wer war damals der Gegner, der den Weg ins Achtelfinale ebnete? Richtig: Juventus Turin. Mit einem 1:0 im Schnee von Istanbul warf Galatasaray die Italiener aus dem Wettbewerb. Zwölf Jahre später könnten die “Löwen” an gleicher Stelle Geschichte wiederholen. Dieses Mal allerdings auf fremdem Platz. Die Vorzeichen haben sich gedreht, doch das Ziel ist dasselbe.