Vom Laufsteg in die Backstube: Der ungewöhnliche Berufsweg einer ehemaligen Miss-Turkey-Kandidatin

06.05.2026 – 19:00 Uhr

Es ist eine Karriere, die in der deutschen Unterhaltungsbranche kaum ungewöhnlicher sein könnte. Irmak Öztaş, die einst kurz davor war, zur Miss Turkey gekürt zu werden, und als Model auf internationalen Bühnen stand, arbeitet heute hinter der Theke einer Bäckerei in ihrer Heimatstadt. Die 30-Jährige, die einst in Istanbul von einer Schauspielkarriere träumte, spricht nun offen über die Schattenseiten einer glitzernden Welt, in der sie am Ende vor allem Enttäuschung fand.

Aufgewachsen in Izmir, entdeckte Öztaş früh ihr Talent für Sprachen und studierte Übersetzungswissenschaft an der Izmir Economy University. Der Zufall führte sie jedoch auf den Laufsteg. „Am ersten Unitag wurde ich von der Leiterin des Modedesign-Studiengangs in der Cafeteria entdeckt“, erinnert sich die junge Frau. Es folgten Defilees, Fotoshootings und der feste Entschluss, das Modeln zum Beruf zu machen – gegen den Willen ihrer Familie und mit einem Umzug in die Metropole Istanbul.

Doch die Realität war hart. „Etwa sechs bis sieben Monate habe ich versucht, dort Fuß zu fassen, aber es war sehr schwierig“, sagt Öztaş. Sie schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und übersetzte Bücher und Dokumentationen. Dann folgte ein schwerer Rückschlag: Die Agentur, für die sie arbeitete, entpuppte sich als betrügerisch. Der Inhaber verschwand, ohne die Models zu bezahlen. „Dadurch, dass ich mit ihm in Verbindung gebracht wurde, bekam ich lange Zeit keine Aufträge mehr“, so Öztaş.

2018 nahm sie an der Wahl zur „Miss Turkey” teil und schaffte es unter die letzten 70 Kandidatinnen. Doch der erhoffte Durchbruch blieb aus. Anstelle von Ruhm und Rollen erhielt sie verletzende Kommentare von Brancheninsidern. Unvergessen ist für sie die Rückmeldung nach einem Vorsprechen für eine Fernsehserie: „Sie sagten zu mir: ‚Du hast Potenzial, aber lass deine Zähne machen, dann komm wieder.‘“

Öztaş kämpfte weiter, drehte zwei Kurzfilme, die auf internationalen Festivals gezeigt wurden, und gewann 2022 den Titel „Best Southeastern Anatolia Beauty“. Sie vertrat die Türkei bei der „World Miss University“-Wahl in Seoul. Doch der finanzielle Druck blieb bestehen. „Wenn man nicht sehr bekannt ist, ist es fast unmöglich, in diesem Job ein regelmäßiges Einkommen zu haben. Monatelang habe ich keinen einzigen festen Job gefunden, in keinem Bereich. Ich habe unzählige Lebensläufe geschickt, aber keine Antwort erhalten“, berichtet sie.

Der Wendepunkt kam an einem Tiefpunkt. Aus Verzweiflung stellte sie einem alten Freund, der in einer Bäckerei arbeitete, die Frage: „Sucht ihr Personal?“ Er bejahte. Öztaş tauschte High Heels gegen Arbeitsschuhe und steht nun seit Kurzem in einer Backstube in Izmir. Die Umstellung war radikal. „Auf dem Laufsteg ist man ein Individuum, man kommuniziert mit Körpersprache, ohne zu sprechen. Im Bäckerhandwerk ist es das genaue Gegenteil. Da schauen einem die Leute manchmal nicht einmal ins Gesicht, während sie einen auf dem Catwalk bewundert haben“, beschreibt sie den Perspektivwechsel.

Der ungewöhnliche Schritt der ehemaligen Schönheitskönigin sorgte in der Nachbarschaft für Aufsehen. Bekannte, die mich sahen, waren schockiert. Einige boten mir plötzlich Jobs an. Meine Antwort war: ‚Wo wart ihr, als ich Arbeit gesucht habe?‘“, sagt sie trocken. Überwiegend habe sie jedoch großen Zuspruch und Stolz erfahren, sogar von völlig Fremden.

Die körperliche Arbeit und das familiäre Team in der Bäckerei gaben ihr etwas zurück, das die Modewelt nicht bieten konnte: Bodenhaftung und ein gesichertes Einkommen. „Dass der Geist nach einem körperlich anstrengenden Tag einfach abschaltet, fühlt sich großartig an. Während meiner Arbeitslosigkeit drehten sich die Gedanken unaufhörlich im Kreis – das hat nun ein Ende“, erklärt Öztaş.

Dennoch ist das Kapitel Showbusiness für sie nicht vollständig geschlossen. An ihrem nächsten freien Tag ist bereits ein Fotoshooting in einer historischen Bäckerei geplant. Sie wolle beides verbinden, sagt sie und schließt auch eine Zukunft als Bäckereibesitzerin nicht aus. „Warum nicht? Ich verschließe mich keinen Möglichkeiten. Das Bäckerhandwerk hat mir jetzt schon sehr viel gelehrt – nicht nur fachlich, sondern auch fürs Leben.“

Jungen Menschen mit ähnlichen Träumen rät sie heute zu besonderer Vorsicht: „Arbeitet niemals mit Leuten zusammen, die ihr nicht gründlich geprüft habt. Und: Keine seriöse Agentur verlangt von Models oder Schauspielern Geld für ein Casting oder Shooting.“ Vor allem aber appelliert sie an Selbstwertgefühl und Pragmatismus: „Verweilt nicht an Orten, die euch zermürben. Verschließt euch auch nicht der Möglichkeit, in anderen Berufen zu arbeiten, bevor ihr davon leben könnt. Wer rastet, der rostet.“