Mit einem beispiellosen Eingriff stellt die türkische Wettbewerbsbehörde die Weichen für einen grundlegenden Umbau der heimischen Film- und Serienindustrie. Wie die Behörde am Dienstag mitteilte, sollen Management- und Casting-Agenturen künftig strikt voneinander getrennt werden. Damit will sie die seit Jahren kritisierte Monopolbildung und strukturelle Verflechtung im Sektor aufbrechen.
Im Zentrum der neuen Regelungen steht das Verbot, Vermittlungsdienste für Schauspieler:innen und die eigentliche Besetzung von Produktionen unter einem Dach zu bündeln. Laut dem Behördenpräsidenten Birol Küle soll damit verhindert werden, dass einzelne Marktakteure sowohl über Talente als auch über deren Vermittlung als alleinige Entscheidungsinstanz verfügen. Das Ziel besteht darin, die Marktzutrittsbarrieren für kleinere Produzenten und unbekannte Schauspieler massiv zu senken.
Auslöser der branchenweiten Untersuchung waren Vorwürfe gegen die einflussreiche Managerin Ayşe Barım und deren Unternehmen ID Danışmanlık. Barım wurde vorgeworfen, durch ihre dominante Marktposition systematisch Druck ausgeübt und regimekritischen Künstlern den Zugang zu Aufträgen erschwert zu haben. Der Fall löste in der türkischen Öffentlichkeit eine breite Debatte über Machtkonzentration und Klientelpolitik im Seriengeschäft aus, das zu den umsatzstärksten der Welt zählt und über die Landesgrenzen hinaus reicht.
Das angekündigte Maßnahmenpaket geht jedoch über klassische Agenturtätigkeiten hinaus. So sollen künftig beispielsweise auch Exklusivverträge zwischen Produktionsfirmen und digitalen Plattformen eingeschränkt werden. Zudem plant die Wettbewerbsbehörde, die Wertschöpfungsketten von der Herstellung bis zum Vertrieb funktional zu trennen. Diese Entflechtung soll verhindern, dass große, integrierte Medienhäuser den Markt für Streaming und Kinoauswertung dominieren.
Behördenchef Küle zufolge soll die Öffnung des Sektors dazu führen, dass insbesondere Video-on-Demand-Dienste verstärkt mit unabhängigen Produzenten und neuen Gesichtern vor der Kamera zusammenarbeiten. Ziel sei es, eine „demokratischere Arbeitsumgebung” zu schaffen, in der Newcomer nicht durch etablierte Machtzirkel blockiert werden. Die Behörde reagiert damit auch auf die rasante Verlagerung von Werbegeldern ins Digitale, welche die ökonomischen Rahmenbedingungen für die gesamte Branche verändert hat.
Um die Folgen dieses digitalen Umbruchs detailliert zu analysieren, kündigte die Wettbewerbsbehörde für Juni eine hochrangige Arbeitstagung in Ankara an. Neben Wettbewerbsrechtlern sollen dort auch Branchenvertreter und Experten für digitale Werbemärkte über die künftige Regulierung beraten. Küle betonte, der Markt sei extrem dynamisch und die Kräfteverhältnisse könnten sich binnen weniger Monate grundlegend verschieben. Die Behörde müsse daher mit ebenso flexiblen wie robusten Eingriffen reagieren.