Im Fall des tödlichen Fenstersturzes der unter dem Künstlernamen „Güllü“ bekannten Sängerin Gül Tut hat das Strafgericht Yalova Anklage zugelassen. Der 25-jährigen Tochter des Opfers wird vorgeworfen, ihre Mutter in der Nacht zum 26. September 2025 aus dem Fenster der Wohnung im sechsten Stock gestoßen zu haben. Die Staatsanwaltschaft fordert für Tuğyan Ülkem Gülter eine erschwerte lebenslange Freiheitsstrafe wegen „vorsätzlicher Tötung eines nahen Angehörigen“. Der Prozessauftakt ist für den 1. Oktober angesetzt.
Die 52-jährige Sängerin war in der Unglücksnacht aus einer Höhe von rund 18 Metern auf einen Betonboden gestürzt. Laut Obduktionsbericht starb sie an massiven Schädel- und Wirbelsäulenverletzungen sowie inneren Blutungen. Erste Ermittlungen gingen von einem Unfall aus, doch die Anklage zeichnet ein anderes Bild.
Musik als Lockmittel
Laut Anklageschrift soll die Tochter ihre Freundin Sultan Nur Ulu an jenem Abend gezielt gebeten haben, das Lieblingslied ihrer Mutter – „Malkata” – über das Handy abzuspielen. Als Gül Tut aus dem Badezimmer kam, soll sie dem Klang gefolgt sein und im Zimmer der Tochter mitgetanzt haben. Genau dort, so die Ermittler, sei die Tat geplant gewesen.
Eine Auswertung von Tonaufnahmen durch die Technische Universität Istanbul ergab laut der Staatsanwaltschaft, dass unmittelbar vor dem Sturz eine junge Frauenstimme den Satz „Hadi görüşüürüüüz” („Auf Wiedersehen”) gerufen habe. Die Ermittler sind überzeugt, dass es die Stimme der Tochter war. Danach soll Tuğyan Ülkem Gülter ihre Mutter an den Hüften gepackt, hochgehoben und aus dem Fenster gestoßen haben.
Zeugin widerrief ihre erste Aussage
Die zunächst ebenfalls festgenommene Freundin Sultan Nur Ulu gab in einer ersten Befragung an, Gül Tut sei alkoholisiert gewesen und gestürzt. Später änderte sie ihre Aussage und erklärte, die Tochter habe ihre Mutter aus dem Fenster gestoßen. Ein heimlich aufgezeichnetes Telefonat mit ihrem Anwalt stützt diese Version: Darin sagt Ulu, sie wolle „nicht für Tuğyans Taten bezahlen“ und werde die Wahrheit sagen.
Verdächtiges Verhalten nach der Tat
Die Anklage führt zudem weitere Indizien an: So sollen Gülter und Ulu nach dem Tod der Mutter in einem Istanbuler Hotel über mögliche Fluchtwege ins Ausland gesprochen haben. In dem Telefonat soll Gülter ihrer Freundin gedroht haben: „Natürlich drohe ich dir. Wenn du mich eines Tages allein lässt, verzeihe ich dir nie.“ Außerdem soll die Tochter kurz nach der Tat ihr Mobiltelefon ausgetauscht, auf Werkseinstellungen zurückgesetzt und Nachrichten löschen haben lassen.
Prozess beginnt Anfang Oktober
Die zuständige Kammer des Schwurgerichts Yalova hat die Anklage nun vollständig zugelassen. Tuğyan Ülkem Gülter sitzt seit Oktober in Untersuchungshaft. Sultan Nur Ulu steht wegen Falschaussage vor Gericht – ihr drohen zwei bis vier Jahre Haft. Der ehemalige Verlobte von Gülter, Kervan E., war zwar wegen des Verdachts der Anstiftung zum Mord festgenommen worden, aber mangels dringenden Tatverdachts wieder freigelassen worden. Er unterliegt einer Ausreisesperre und muss sich regelmäßig bei den Behörden melden.