Türkei: „Erdbeben-Ring“ um fünf Städte – 1500 Jahre stille Störungszone wird zur Gefahr

28.04.2026 – 12:00 Uhr

Nach den verheerenden Erdbeben vom 6. Februar 2023 in der Türkei rückt eine bislang wenig beachtete Gefahrenzone in den Fokus der Forschung. Eine im März 2026 im Fachjournal Geophysical Journal International veröffentlichte Studie zeigt, dass sich entlang einer seit rund 1500 Jahren ruhigen Störungszone erhebliche Spannungen aufgebaut haben könnten – mit dem Potenzial für ein starkes Erdbeben.

Die Untersuchung wurde von Wissenschaftlern, darunter Prof. Dr. Erhan Altunel (Eskişehir Osmangazi Universität), Prof. Dr. Cengiz Yıldırım (Technische Universität Istanbul) und Doç. Dr. Özgür Kozacı (USA), durchgeführt. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung der Bruchdynamik nach den Kahramanmaraş-Erdbeben.

Bruch verlagerte sich in Richtung Karasu-Tal

Den Ergebnissen zufolge wurde die Ostanatolische Verwerfungszone durch die Beben 2023 erneut aktiviert. Die Bruchbewegung hätte sich entweder entlang der Amanos-Berge in Richtung İskenderun ausbreiten oder dem Karasu-Tal folgen können. Tatsächlich verlagerte sich die Energie entlang des Karasu-Tals in Richtung Hatay und Amik-Ebene.

Ein Grund dafür liegt laut Studie in der geologischen Beschaffenheit: Während die Amanos-Berge aus stabileren, widerstandsfähigeren Gesteinsstrukturen bestehen, weist das Karasu-Tal eine deutlich schwächere und stärker zerklüftete Struktur auf. Die Bruchenergie suchte sich daher den „einfacheren“ Weg.

Gefährliche Spannungen entlang ruhiger Störungszone

Besonders kritisch bewerten die Forscher die Situation entlang der Türkoğlu-Osmaniye-Störungszone im Bereich der Amanos-Berge. Dort hat es seit etwa 1500 Jahren kein großes Erdbeben mehr gegeben. Nach Einschätzung der Wissenschaftler könnte sich dort eine Verschiebungslücke von rund sieben Metern aufgebaut haben.

Die Studie warnt, dass die Erdbeben von 2023 zusätzliche Spannungen auf diese Zone übertragen haben könnten. Dadurch könnte sich der Zeitpunkt eines möglichen Bruchs deutlich vorverlagern. Im Falle einer Entladung sei ein Erdbeben mit einer Magnitude von über 7 denkbar.

Mehrere Provinzen potenziell betroffen

Die gefährdete Zone betrifft mehrere dicht besiedelte Regionen im Süden der Türkei, darunter Gebiete rund um den Golf von İskenderun mit wichtigen Industrieanlagen und Städten.

Aktives Störungssystem mit großer Reichweite

Die Ostanatolische Verwerfungszone ist ein etwa 550 bis 600 Kilometer langes aktives Störungssystem. Es erstreckt sich vom Bereich an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei über Kahramanmaraş, Malatya und Elazığ bis hin nach Bingöl, wo sie auf die Nordanatolische Verwerfung trifft.