Die weltweite Plastikproduktion ist nach Angaben des türkischen Kultur- und Tourismusministers Mehmet Nuri Ersoy in den vergangenen 70 Jahren um das rund 230-Fache gestiegen. Sie liege inzwischen bei mehr als 460 Millionen Tonnen pro Jahr. Gleichzeitig fielen weltweit rund 353 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Nur neun Prozent davon würden letztlich recycelt, warnte Ersoy.
Der Minister sprach bei einem Workshop zur Initiative „Zero Waste“ (Sıfır Atık) in Istanbul. Er forderte angesichts der zunehmenden Umweltbelastung eine stärkere internationale Zusammenarbeit und einen ganzheitlichen Ansatz im Umgang mit Plastik.
Ersoy sprach zunächst den Opfern des Fährunglücks auf der Route zwischen Kyrenia in Nordzypern und Taşucu in der Türkei sein Beileid aus. Den Angehörigen sprach er sein Mitgefühl aus und wünschte den Verletzten eine schnelle Genesung. Die laufenden Such- und Rettungsmaßnahmen müssten fortgesetzt werden, sagte er.
Nur neun Prozent des Plastikmülls werden recycelt
Nach Angaben Ersoys werden weltweit jährlich rund 353 Millionen Tonnen Plastikabfälle produziert. Davon würden lediglich neun Prozent endgültig recycelt. Weitere 19 Prozent würden verbrannt und 50 Prozent deponiert. Rund 22 Prozent würden unsachgemäß entsorgt und gelangten unkontrolliert in die Umwelt.
Damit blieben nach den Angaben des Ministers rund 78 Millionen Tonnen Plastik außerhalb einer kontrollierten Abfallwirtschaft. Plastikmüll verschmutze Böden, Flüsse und Ozeane und richte erhebliche Schäden in den Ökosystemen an.
Auch die bisherigen Entsorgungsmethoden seien keine ausreichende Lösung. Das Material lasse sich nur begrenzt recyceln, während bei der Verbrennung Treibhausgase freigesetzt würden. Deponien wiederum verschöben das Problem lediglich in die Zukunft und könnten dazu beitragen, dass Mikroplastik in Böden und Wasser gelangt.
Ersoy fordert globale Zusammenarbeit
Einzelne Länder hätten zwar innerhalb ihrer eigenen Grenzen erfolgreiche Modelle entwickelt. Das Problem könne jedoch nur gelöst werden, wenn weltweit gemeinsame Standards für den Umgang mit Plastikabfällen geschaffen würden, betonte Ersoy.
Insbesondere ärmere Länder, in denen ein großer Teil der Umweltverschmutzung entstehe, benötigten bessere Voraussetzungen und eine leistungsfähigere Infrastruktur. Diese Staaten könnten die notwendigen Investitionen häufig nicht allein stemmen. Wohlhabendere Länder müssten deshalb stärker bei Technologie, Umsetzung und Finanzierung zusammenarbeiten.
„Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren“, sagte Ersoy. Alle verfügbaren Lösungsansätze müssten gleichzeitig verfolgt werden. Dazu gehörten die Verringerung unnötigen Verbrauchs und von Verschwendung ebenso wie die verstärkte Nutzung von recycelten Rohstoffen.
Türkei steigert Recyclingquote deutlich
Auch die Türkei müsse ihre Anstrengungen weiter verstärken, erklärte Ersoy. Die unter der Schirmherrschaft von Präsident Recep Tayyip Erdoğan und unter der Führung von Emine Erdoğan vorangetriebene Zero-Waste-Initiative habe bereits zu deutlichen Veränderungen geführt.
Nach Angaben des Ministers stieg die Recycling- beziehungsweise Verwertungsquote bei sämtlichen Abfallarten innerhalb von acht Jahren von 13 auf 37,53 Prozent. Dadurch seien rund 90 Millionen Tonnen Abfälle wieder in die Wirtschaft zurückgeführt worden. Der daraus entstandene wirtschaftliche Beitrag belaufe sich auf etwa 365 Milliarden türkische Lira.
Die Türkei strebe an, die Verwertungsquote bis 2035 auf 60 Prozent und bis 2053 auf 70 Prozent zu erhöhen.
Plastik als Schwerpunkt der Kreislaufwirtschaft
Im nationalen Strategie- und Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft 2025 bis 2028 wurde Plastik als einer von sieben vorrangigen Wirtschaftsbereichen festgelegt.
Der Plan umfasst sechs strategische Ziele und 53 Maßnahmen. Im Mittelpunkt stehen unter anderem die Vermeidung von Abfällen, kreislauffähige Produkte, die Nutzung von Sekundärrohstoffen, bessere Kontrollen und Datenerfassung sowie Anreize für den Wandel in verschiedenen Branchen.
Besonders wichtig sei es, die Abhängigkeit von Primärrohstoffen zu reduzieren. Produkte und Verpackungen müssten stärker nach den Prinzipien einer Kreislaufwirtschaft entwickelt werden. Auch Einweg- und kurzlebige Produkte sollten reduziert werden.
Darüber hinaus müssten landwirtschaftliche Kunststoffe besser entsorgt und die Verschmutzung von Meeren und Küsten verhindert werden. Auch eine getrennte Sammlung von Abfällen direkt an der Entstehungsquelle sei entscheidend.
„Heute müssen wir die notwendigen Schritte einleiten“
Ersoy kritisierte zudem das traditionelle Wirtschaftsmodell nach dem Prinzip „Kaufen, benutzen, wegwerfen“. Dieses lineare Modell habe den Konsum massiv erhöht und damit auch die Plastikverschmutzung verschärft.
Neben politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen komme es deshalb auch auf das Verhalten jedes Einzelnen an. Gewohnheiten und Konsumentscheidungen müssten sich verändern.
„Nichts von dem, was wir zum Schutz unseres Planeten, unserer Böden, Flüsse, Meere und unserer Luft tun, kann als Verzicht betrachtet werden“, erklärte Ersoy. Um auch künftig Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser und sauberer Luft zu gewährleisten, müssten die notwendigen Schritte bereits heute eingeleitet werden.
Die Türkei wolle gemeinsam eine Zukunft schaffen, in der deutlich weniger Abfall entstehe und vorhandene Abfälle als wirtschaftliche Ressource genutzt würden. Entscheidend seien dabei auch eine enge Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen, Kommunen, Universitäten, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen sowie ein stärkeres Umweltbewusstsein in der Bevölkerung.