Die Türkei hat in den vergangenen sechs Jahrzehnten Feuchtgebiete in einer Größenordnung verloren, die dem Anderthalbfachen der Fläche des Marmarameeres entspricht. Fachleute warnen, dass dieser Schwund nicht nur die biologische Vielfalt erheblich beeinträchtigt, sondern auch die Dürreanfälligkeit des Landes verstärkt und die Bemühungen zum Klimaschutz untergräbt.
Anlass für diese Einschätzung ist der internationale Weltfeuchtgebietstag am 2. Februar, der jährlich auf die ökologische, kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung dieser sensiblen Ökosysteme aufmerksam macht. Feuchtgebiete gelten weltweit als besonders schützenswert und stehen seit 1975 unter dem Schutz der Ramsar-Konvention.
Die Türkei ist dem Abkommen 1994 beigetreten und weist derzeit 14 international anerkannte Ramsar-Gebiete auf. Weltweit sind mehr als 2.400 Feuchtgebiete registriert. Belastbare nationale Daten zur Gesamtfläche der türkischen Feuchtgebiete liegen jedoch nicht vor. Laut internationalen Auswertungen ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts etwa die Hälfte aller Feuchtgebiete weltweit verschwunden, im Mittelmeerraum sogar mehr als die Hälfte.
Laut Şafak Arslan, Koordinator für Naturschutzprogramme bei einer türkischen Umweltorganisation, sind allein in der Türkei in den vergangenen 60 Jahren rund zwei Millionen Hektar Feuchtgebiete verloren gegangen. Besonders stark betroffen sind demnach das zentrale Anatolien, das geschlossene Becken von Konya, der Tuz-See sowie zahlreiche Seen in der sogenannten Seenregion. Viele Gewässer seien vollständig ausgetrocknet oder hätten massiv an Fläche eingebüßt.
Feuchtgebiete zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Erde. Sie regulieren den Wasserhaushalt, bieten zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum und binden große Mengen Kohlendioxid. Ihr Verlust greift unmittelbar in den natürlichen Wasserkreislauf ein und erhöht damit das Risiko von Trockenperioden.
Der Experte nennt die landwirtschaftliche Bewässerung als Hauptursache für den Rückgang. In Türkiye entfallen auf diese nahezu 80 Prozent der verfügbaren Wasserressourcen. Ineffiziente Bewässerungstechniken und der Anbau wasserintensiver Kulturen in ungeeigneten Regionen haben die Übernutzung weiter beschleunigt. Der Klimawandel verschärft diese Entwicklung zusätzlich.
Der bloße Schutz bestehender Feuchtgebiete reicht inzwischen nicht mehr aus, betont Arslan. Notwendig seien gezielte Renaturierungsmaßnahmen und eine Rückkehr zu traditionellen, naturverträglichen Nutzungsformen, um die verbliebenen Ökosysteme langfristig zu sichern.