Staus, Unfälle, Parkplatzsuche: Istanbul verliert 288 Stunden im Jahr im Verkehr

Bilder: DHA
24.09.2026 – 8:00 Uhr

(DHA) Verkehrschaos kostet die Menschen in Istanbul bis zu 288 Stunden pro Jahr – fast zwölf volle Tage. Eine neue Studie beziffert zugleich die wirtschaftlichen Kosten der Staus in der türkischen Metropole auf rund 10 Milliarden Dollar jährlich.

Der Bericht wurde vom Prof.-Dr.-Sadettin-Ökten-Zentrum für Stadtforschung der Stadtverwaltung Esenler erstellt. Für die Untersuchung wurden landesweit 3.000 Menschen ab 15 Jahren befragt. Zusätzlich fanden in Istanbul, Ankara, Eskişehir und Malatya Gruppengespräche mit Verkehrspolizisten, Autofahrern, Vertretern von Fahrschulen, Ordnungsamtsmitarbeitern und Motorradkurieren statt.

61,8 Prozent der Befragten gaben an, selbst ein Fahrzeug zu nutzen, 43,8 Prozent besitzen ein eigenes Auto.

Der Bericht untersucht das Verkehrsproblem in der Türkei aus verschiedenen Perspektiven – von wirtschaftlichen Folgen und Fahrerverhalten über Verkehrsunfälle bis hin zu Verkehrskultur, Kontrolle und Stadtplanung.

Istanbul verliert jährlich fast zwölf Tage im Verkehr

Nach den im Bericht genannten Berechnungen belaufen sich die jährlichen wirtschaftlichen Kosten der Verkehrsstaus in Istanbul auf rund 10 Milliarden Dollar. Darin enthalten sind nicht nur zusätzliche Kraftstoffkosten, sondern auch der Zeitverlust im Verkehr sowie Einbußen bei Arbeitskraft und Produktivität.

Allein der zusätzliche Kraftstoffverbrauch durch die Staus kostet demnach rund 760 Millionen Dollar pro Jahr.

Die Verkehrsdichte führt laut Bericht zu einem Zeitverlust von bis zu 288 Stunden pro Person und Jahr – umgerechnet etwa zwölf volle Tage. Nach Daten des Verkehrsanalysten INRIX für 2025 verliert ein Autofahrer in Istanbul zudem durchschnittlich 105 Stunden pro Jahr allein durch Verkehrsstaus.

Die beiden Angaben beruhen auf unterschiedlichen Berechnungsmethoden, verdeutlichen jedoch die erheblichen Auswirkungen der Verkehrsbelastung auf Zeit und Produktivität.

 

 

Fahrerverhalten gilt als größtes Problem

Bei der landesweiten Befragung nannten 55,5 Prozent der Teilnehmer Unachtsamkeit, vorsätzliche Regelverstöße und mangelndes Verkehrsbewusstsein von Autofahrern als eines der wichtigsten Verkehrsprobleme in ihrer Region.

46,3 Prozent verwiesen auf eine unzureichende Straßenkapazität und Parkplatzprobleme. 30,4 Prozent nannten fehlende oder unzureichende Fußgängerüberwege sowie Unter- und Überführungen.

Auffällig ist dabei ein Widerspruch: Ein großer Teil der Befragten bezeichnete sich selbst als vorsichtigen Autofahrer und sah die größten Gefahren im Verhalten der „anderen Fahrer“. Die Autoren werteten dies als Hinweis darauf, dass die individuelle Verantwortung im Straßenverkehr häufig auf andere übertragen wird.

Fast zwei Millionen neue Fahrzeuge pro Jahr

Auch die rasch wachsende Zahl der Fahrzeuge wird im Bericht als Faktor für die Verkehrsprobleme genannt.

2015 waren in der Türkei rund 20 Millionen Fahrzeuge zugelassen. Bis Ende Oktober 2025 stieg die Zahl auf 33.193.636.

Allein 2024 wurden landesweit 1.444.026 Verkehrsunfälle registriert. Davon waren 266.854 Unfälle mit Toten oder Verletzten.

Motorradkuriere unter hohem Zeitdruck

Auch die Arbeitsbedingungen von Motorradkurieren wurden untersucht. Die Kuriere berichteten von hohem Lieferdruck, unsicheren Arbeitsbedingungen sowie fehlenden geeigneten Parkmöglichkeiten und Fahrspurregelungen. Dadurch würden sie teilweise zu riskantem Verhalten gedrängt.

Andere Verkehrsteilnehmer sehen dagegen vor allem die plötzlichen Fahrmanöver und Spurwechsel von Motorradkurieren als Sicherheitsrisiko.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass Verkehrsprobleme daher nicht ausschließlich mit dem individuellen Verhalten einzelner Fahrer erklärt werden können, sondern auch mit Arbeitsbedingungen und wirtschaftlichem Druck zusammenhängen.

Verkehrsexperte: „Öffentlicher Nahverkehr muss ausgebaut werden“

Verkehrsexperte Dr. Fatih Gündoğan, der an der Erstellung des Berichts beteiligt war, sieht einen stärkeren öffentlichen Nahverkehr als entscheidenden Ansatzpunkt.

„Damit das Verkehrsproblem gelöst werden kann, muss der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden“, sagte Gündoğan. Möglichst viele Menschen müssten auf Busse, Bahnen und andere öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.

Als weitere Ursachen nannte er die wachsende Zahl der Autobesitzer, Parkplatzprobleme und unkoordiniertes Parken. Allein in den vergangenen zehn Jahren sei in Istanbul ein zusätzlicher Parkplatzbedarf entstanden, der flächenmäßig etwa der Größe des Bezirks Esenler entspreche.

Hinzu kämen Probleme bei der Abstimmung von Planung, Umsetzung und Kontrolle.

 

 

Verkehrserziehung und strengere Kontrollen gefordert

Gündoğan sprach sich außerdem für eine stärkere Verkehrserziehung in Familien und Schulen aus. Respekt, Geduld und Verantwortungsbewusstsein müssten bereits im familiären Umfeld vermittelt werden.

Auch intelligente Verkehrssysteme könnten bei der Kontrolle von Regelverstößen eine größere Rolle spielen. Autofahrer sollten sich nicht darauf verlassen können, selbst zu entscheiden, wo sie parken oder wie schnell sie fahren.

Staus verursachen weitaus höhere Kosten als nur Zeitverlust

Doç. Dr. Abdullah Demir von der Marmara-Universität verwies auf die direkten und indirekten Folgen der Verkehrsbelastung.

Zu den sichtbaren Kosten gehörten vor allem verlorene Zeit und zusätzlicher Kraftstoffverbrauch. Hinzu kämen jedoch weniger offensichtliche Folgen wie Gesundheitsprobleme, Stress, Umweltbelastungen, Verschleiß an Fahrzeugen und Straßen sowie höhere Kosten in Logistik und Lieferketten.

Demir zufolge verursachen Verkehrstaus und Unfälle in der Türkei Kosten in Höhe von schätzungsweise 1,8 bis 3,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bei einem angenommenen BIP von 1,6 Billionen Dollar entspreche dies einer Größenordnung von etwa 40 bis 70 Milliarden Dollar.

Für Istanbul werde der wirtschaftliche Schaden durch Verkehrsstaus auf rund 10 Milliarden Dollar geschätzt.

2025 mehr Unfälle, aber weniger Verkehrstote

Nach Angaben Demirs stieg die Zahl der Verkehrsunfälle 2025 gegenüber dem Vorjahr, während die Zahl der Todesopfer zurückging.

2024 starben demnach rund 6.400 Menschen bei Verkehrsunfällen – entweder unmittelbar am Unfallort oder innerhalb eines Monats danach. 2025 sank die Zahl auf 6.035.

Demir führt die Entwicklung unter anderem auf Verbesserungen bei Straßen, Fahrzeugsicherheit und der medizinischen Erstversorgung zurück. Gleichzeitig liege die Zahl der Verkehrsunfälle in der Türkei weiterhin deutlich über dem Niveau europäischer Länder.

Als zentrale Erkenntnisse des Berichts nannte er letztlich zwei Faktoren: den Menschen und das Verkehrssystem. Ein weiteres auffälliges Ergebnis sei, dass sich nahezu alle Autofahrer selbst als vorsichtig einschätzten, während die Verantwortung für Unfälle überwiegend bei anderen gesehen werde.