Prof. Naci Görür zu 5,4er-Erdbeben in Şanlıurfa: „Die Region sammelt Energie“

26.09.2026 – 8:00 Uhr

Nach dem Erdbeben der Stärke 5,4 in Şanlıurfa hat der Geowissenschaftler Prof. Dr. Naci Görür auf die anhaltende tektonische Aktivität in der Region hingewiesen. Görür erklärte, er habe bereits zuvor mit einem Erdbeben in diesem Gebiet gerechnet. Die schweren Erdbeben vom Februar 2023 hätten die Spannungsverhältnisse in der Region verändert. Besonders die Störungszonen im Südosten der Türkei müssten deshalb weiterhin aufmerksam beobachtet werden.

Das Beben hatte sich am Donnerstagvormittag im Landkreis Karaköprü ereignet. Nach Angaben der türkischen Katastrophenschutzbehörde AFAD lag das Epizentrum in rund sieben Kilometern Tiefe. Die Erschütterungen waren auch in umliegenden Provinzen zu spüren. Berichte über größere Schäden lagen zunächst nicht vor.

Görür verwies in seiner Einschätzung auch auf die geologische Entwicklung nach den schweren Erdbeben vom Februar 2023. Durch die Verschiebungen entlang der Verwerfungen könne sich die Belastung auf benachbarte Störungszonen verändert haben. Das aktuelle Beben müsse daher im Zusammenhang mit der insgesamt aktiven Tektonik der Region betrachtet werden. Eine konkrete Vorhersage über Zeitpunkt oder Stärke eines möglichen weiteren Bebens sei daraus allerdings nicht möglich.

Experten sehen keinen konkreten Hinweis auf ein größeres Beben

Auch andere Geowissenschaftler ordneten das Beben in die geologischen Strukturen der Region ein. Prof. Dr. Okan Tüysüz verwies auf den rund 70 Kilometer langen Bozova-Grabenbruch und erklärte, dass sich dort die Spannungen entlang der Verwerfungen entladen könnten. Nachbeben seien nach einem solchen Ereignis möglich. Einen direkten Hinweis auf ein unmittelbar bevorstehendes, deutlich stärkeres Erdbeben liefere das aktuelle Beben jedoch nicht.

Tüysüz betonte zudem, dass mögliche Schäden nicht allein von der Stärke eines Erdbebens abhängen. Entscheidend sei auch, wie stabil die betroffenen Gebäude seien und ob sie bereits durch frühere Erschütterungen beschädigt wurden. Daher sollten insbesondere ältere oder vorgeschädigte Gebäude nach einem Beben überprüft werden.

Prof. Dr. Süleyman Pampal bezeichnete das Erdbeben unterdessen als keine Überraschung für den Südosten der Türkei. Die Region sei durch mehrere aktive tektonische Strukturen geprägt und daher grundsätzlich erdbebengefährdet. Dass es zu einem weiteren Beben komme, bedeute jedoch nicht automatisch, dass unmittelbar ein größeres Ereignis folgen müsse.

Keine Vorhersage für weitere starke Erdbeben möglich

Prof. Dr. Osman Bektaş warnte ebenfalls davor, aus dem aktuellen Beben voreilige Schlüsse zu ziehen. Nach seiner Einschätzung gebe es derzeit keine ausreichenden wissenschaftlichen Daten, um das Erdbeben als Vorzeichen eines größeren Bebens zu bewerten. Auch die Stärke und der Zeitpunkt möglicher weiterer Erschütterungen ließen sich nicht zuverlässig vorhersagen.

Damit unterscheiden sich die Einschätzungen der Experten vor allem in der Bewertung der regionalen tektonischen Entwicklung. Einig sind sie sich darin, dass der Südosten der Türkei weiterhin seismisch aktiv ist. Das Erdbeben von Şanlıurfa allein erlaubt jedoch keine konkrete Aussage darüber, ob oder wann ein weiteres starkes Beben folgen könnte.