Mehr als sechs Jahrzehnte nach einem der denkwürdigsten Abende der Operngeschichte brachte das antike Theater von Epidaurus die legendäre „Medea“-Inszenierung von 1961 wieder auf die Bühne. In der von Maria Callas geprägten Titelrolle debütierte die italienische Sopranistin Anna Pirozzi und stellte sich dem schweren Erbe an einem Ort, der für seine außergewöhnliche Akustik weltberühmt ist.
Die ausverkaufte, einmalige Vorstellung am 20. Juni war das erste Operngastspiel in dem 2.500 Jahre alten Amphitheater seit 65 Jahren und eröffnete zugleich die Saison 2026 des Athens Epidaurus Festivals. Im Zentrum steht Luigi Cherubinis 1797 uraufgeführte lyrische Tragödie nach Euripides über die von Zorn und Verzweiflung getriebene mythologische Figur, die ihre Kinder tötet. Erst Callas hatte das Werk seinerzeit aus der Vergessenheit geholt.
Pirozzi selbst gab sich im Vorfeld betont eigenständig. „Ich will nicht kopieren, ich will nicht imitieren”, sagte die 51-Jährige. Sie liebe Callas’ Interpretation, habe aber nur wenige Gesten aus der damaligen Aufführung übernommen, da diese eine große dramatische Wucht besäßen. Der Regisseur Panaghis Pagoulatos sieht durchaus eine Gemeinsamkeit: Beide Sängerinnen teilten „dieselbe Wahrheit im Gesang und im Spiel“. Zugleich betonte er: „Aber sie haben keinesfalls dieselbe Persönlichkeit, keinesfalls dieselbe Stimme.“
Die Wiederbelebung der von Giorgos Koumendakis, dem Direktor der Griechischen Nationaloper, als „legendär“ und „von immenser Begeisterung, die weit über Griechenland hinausreichte“ beschriebenen Produktion glich einer akribischen archäologischen Arbeit. Da es keinerlei Videoaufnahmen gibt, mussten die künstlerischen Teams drei Jahre lang anhand von Schwarz-Weiß-Fotografien, den Notizbüchern des damaligen Regisseurs Alexis Minotis und den Zeichnungen des Bühnen- und Kostümbildners Yannis Tsarouchis die Ästhetik rekonstruieren.
„Die größte Herausforderung bestand darin, die Atmosphäre der Epoche zu erfassen und ins Heute zu übertragen, ohne dass sie deplatziert wirkt“, erklärte Koumendakis. Die detailgenaue Wiederherstellung betraf sogar die Stoffe. Rund 150 originale Kostüme sind erhalten geblieben. Einige davon werden erneut getragen, so etwa das Kostüm des Creon durch den Bariton Tassis Christoyannis. Kostümbetreuerin Tota Pritsa wies auf die Schwierigkeiten mit historischen Materialien wie Seidenjersey hin, die heute nicht mehr produziert werden. Mehrere Waschgänge waren nötig, um die gewünschte Patina zu erzeugen. Bei der Generalprobe unter sternenklarem Himmel konnte selbst der Regisseur nicht mehr zwischen alten und neuen Kostümen unterscheiden.
Um das im 4. Jahrhundert v. Chr. erbaute und außergewöhnlich gut erhaltene Theater zu schützen, wurde zudem jeder Stein mit einer Holzverschalung abgedeckt. Das archäologische Gelände von Epidaurus widmet den Aufführungen von August 1961 derzeit eine eigene Ausstellung.