Massentourismus gefährdet empfindliche Meeresökosysteme in der Türkei

15.03.2026 – 14:00 Uhr

ISTANBUL – Unkontrollierte Küstenbebauung und Massentourismus gefährden zunehmend Seegraswiesen und marine Ökosysteme in der Türkei, warnen Wissenschaftler. Dabei zählen diese Lebensräume zu den wichtigsten Unterwasserökosystemen des Mittelmeers.

Der Präsident der Türkischen Stiftung für Meeresforschung (Türk Deniz Araştırmaları Vakfı, TÜDAV), Bayram Öztürk, rief angesichts des steigenden Drucks auf die Meeresumwelt zu dringenden Schutzmaßnahmen auf. Seegraswiesen bezeichnete er als „Sauerstofffabriken der Ozeane“ und betonte ihre entscheidende Rolle für marine Ökosysteme und die Regulierung des Klimas.

Weltweit verschwinden Seegraswiesen derzeit mit einer alarmierenden Rate von rund sieben Prozent pro Jahr. Diese Lebensräume können bis zu 35-mal mehr Kohlenstoff speichern als tropische Wälder und zählen damit zu den effektivsten natürlichen Kohlenstoffsenken der Erde.

Nach Angaben von Öztürk könnten die weltweiten wirtschaftlichen Verluste durch zerstörte Seegrasökosysteme jährlich bis zu 42 Milliarden Dollar erreichen.

Auch in der Türkei deutliche Rückgänge

Auch in der Türkei ist ein deutlicher Rückgang zu beobachten. „Mindestens 15 Prozent der Seegraswiesen des Landes sind in den vergangenen 50 Jahren verschwunden“, erklärte Öztürk. Der geschätzte wirtschaftliche Wert der Seegrasökosysteme in der Türkei liege bei rund 276,6 Millionen Dollar.

Zu den größten Bedrohungen zählen die rasche Küstenentwicklung und der Ausbau touristischer Infrastruktur. In manchen Küstenregionen würden Seegrasflächen sogar entfernt, damit Badegäste bequemer schwimmen oder sich sonnen können.

Auch der Ausbau touristischer Anlagen beschädigt diese empfindlichen Lebensräume. Stege sowie Anker von Freizeitbooten zerstören häufig die Unterwasserwiesen.

Erwärmung des Mittelmeers verschärft die Lage

Zusätzlich belastet die steigende Meerestemperatur die Ökosysteme. Öztürk zufolge hat sich das Wasser im Mittelmeer in den vergangenen 50 Jahren um etwa 1,5 Grad Celsius erwärmt, was den Druck auf marine Lebensräume weiter erhöht.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, betonte Öztürk die Bedeutung einer maritimen Raumplanung. Dabei wird festgelegt, wo touristische, wirtschaftliche oder Naturschutzaktivitäten stattfinden dürfen, ohne die Ökosysteme zu schädigen.

„Wenn wir uns auf eine maritime Raumplanung einigen, können wir klar entscheiden, was wo gebaut werden darf“, sagte Öztürk und forderte eine koordinierte nationale Strategie.

Erste Schutzmaßnahmen laufen bereits

Einige Initiativen wurden bereits gestartet. Im Rahmen des Projekts „Future of the Seas“, das von TÜDAV gemeinsam mit der Türkiye İş Bankası umgesetzt wird, werden in Gebieten mit Seegraswiesen spezielle Bojen installiert.

Ziel ist es, zu verhindern, dass Boote ihre Anker direkt auf dem Meeresboden abwerfen und damit die empfindlichen Unterwasserwiesen beschädigen.