Es ist ein musikalischer Brückenschlag, der über bloße Töne hinausgeht: Vom 13. bis 18. Mai 2026 verwandelten die zweiten „MainBosporusKlang – Internationalen Chortage Frankfurt“ die Mainmetropole in einen Resonanzraum für Völkerverständigung. Rund 90 Sängerinnen und Sänger aus Deutschland und der Türkei suchten unter dem Motto „Friedensspuren” die direkte Begegnung und fanden sie in einer gemeinsamen Klangsprache, die politische Spannungen für einen Moment vergessen ließ.

Das Projekt, das vom Verein MainSES Chor & Ensemble in Kooperation mit dem Frankfurter Chorverband ausgerichtet wurde, stand unter der Schirmherrschaft der türkischen Generalkonsulin Nagihan İlknur Akdevelioğlu. Die künstlerische Verantwortung trugen die Initiatorin Burcu Özcanyüz Seymen sowie Benjamin Hartmann, Dozent für Chorleitung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK). Er leitete den internationalen Projektchor „Friedensspuren“.
Vielstimmiger Protest gegen Sprachlosigkeit
Den emotionalen wie programmatischen Kern des Abschlusskonzerts am 17. Mai im Clara-Schumann-Saal des Dr. Hoch’s Konservatoriums bildete ein einziger, kollektiver Ruf. In Duke Ellingtons Stück „Freedom“ erklang das Wort „Frieden“ in 18 Sprachen, bevor es in dem gemeinsamen, kraftvollen Ausruf „Özgürlük“ – dem türkischen Wort für Freiheit – mündete. Ein akustisches Signal, das im Rahmen des hr2-kultur-Aktionstages „Ein Tag für die Musik“ weit über den Saal hinausstrahlte.
Zuvor hatte bereits Knut Nystedts „Immortal Bach” das Publikum in ein immersives Hörerlebnis gezogen, bei dem sich die Chorklänge im Raum zu verselbstständigen schienen. Den finalen Bogen schlug John Rutters „Look at the World“, das alle Mitwirkenden im großen Finale vereinte.
Gastchor reist vom Bosporus an den Main
Das Festival erhielt besondere Impulse durch die Anwesenheit des rund 30-köpfigen türkischen Gastchors „Yücel Elmas Korosu MÜZED“ aus Istanbul unter der Leitung von Assoc. Prof. Hakan Bağcı. Gemeinsam mit dem Projektchor erarbeiteten die Gäste mehrstimmige türkische Chorliteratur, darunter Werke von Ulvi Cemal Erkin und Cenan Akın. Dabei geriet das zweisprachige Volkslied „Dostluk – Wahre Freundschaft“ nach Eduard Zuckmayer zum Symbol einer Musiktradition, die beide Kulturen seit Jahrzehnten verbindet.
Neben den Erwachsenen wirkten auch 20 Kinder im Projekt-Kinderchor mit. Mit Stücken wie „Mavi Gezegen” und einer mehrsprachigen Fassung von Michael Jacksons „We Are the World” setzten sie ein berührendes Zeichen für internationale Verständigung.
Begegnung jenseits der Partitur
Dass die Chortage mehr als ein Konzertprojekt waren, belegte das umfangreiche Rahmenprogramm. In Probenräumen, die das Amt für multikulturelle Angelegenheiten und das Kulturamt Frankfurt zur Verfügung stellten, fanden intensive Workshops und Coachings statt. Die Gäste aus Istanbul hospitierten zudem bei Ensembles der HfMDK und beteiligten sich mit acht ihrer Mitglieder an der Aufführung von Brahms’ „Ein deutsches Requiem“ in der Alten Oper unter der Leitung von Prof. Florian Lohmann – einem Großprojekt mit rund 450 Mitwirkenden.
Benjamin Hartmann zog ein gleichermaßen persönliches wie politisches Resümee: „Dass wir verschiedene Muttersprachen haben, spielte beim gemeinsamen Musizieren keine Rolle mehr. Hier zählt nicht, wo einer herkommt, sondern wo wir gemeinsam hinwollen: zu gemeinsamem Ausdruck und menschlicher Begegnung.“ Ein traditionell gestaltetes Buffet mit türkischen Spezialitäten, das von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern zubereitet wurde, rundete die Begegnung im wahrsten Sinne des Wortes ab.