Izmir. Eine unscheinbare Höhle am Hang bei Bornova könnte mitten in eine der ältesten Literaturdebatten der Welt führen: War hier das Zuhause von Homer – dem legendären Dichter der „Ilias“ und „Odyssee“?
Seit Generationen nennen Einheimische den Ort „Homers Tal“. Der Überlieferung zufolge soll Homer in der Höhle seine berühmten Epen verfasst haben. Beweise dafür gibt es allerdings nicht – und genau das macht den Ort bis heute zum Gegenstand von Spekulationen.
Eine Höhle, die Homer zugeschrieben wird
Der griechische Schriftsteller und Geograf Pausanias schrieb bereits im 2. Jahrhundert, dass die Bewohner des antiken Smyrna von einer Höhle an den Quellen des Flusses Meles erzählten, in der Homer seine Gedichte verfasst habe.
Wo Homer tatsächlich lebte oder seine Werke schrieb, ist bis heute unbekannt. Auch die griechische Insel Chios erhebt Anspruch auf den Dichter.
Der türkische Forscher und Buchautor Altan Altın ist jedoch überzeugt: Homers Wurzeln liegen in Bornova.
Ein 2.300 Jahre altes Indiz?
Altın verweist auf ein Relief aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., das sich heute im British Museum befindet. Es soll eine Vergöttlichung Homers darstellen. Nach seiner Interpretation zeigt das Relief gleichzeitig erstaunlich präzise Details der Höhle bei Bornova.
„Niemand hatte zuvor die identischen Details bemerkt“, argumentiert der Forscher. Für ihn ist das ein entscheidender Hinweis auf die Verbindung zwischen Homer und der Region.
Auch archäologische Funde liefern zumindest Indizien. Bei Ausgrabungen wurden Münzen mit dem Bildnis Homers entdeckt – ein Zeichen dafür, dass die Bewohner des antiken Smyrna den Dichter offenbar als einen der Ihren betrachteten.
Hinzu kommt die Sprache seiner Werke: Sowohl die „Ilias“ als auch die „Odyssee“ enthalten ionische und äolische Sprachelemente. Beide Dialekträume waren in der antiken Ägäis verbreitet.
Homer wird in Bornova wieder lebendig
Die Stadt setzt inzwischen stark auf ihr literarisches Erbe. Am Yeşilova-Hügel, einer der ältesten bekannten prähistorischen Siedlungen Izmirs, steht eine Homer-Büste. Zudem gibt es eine Homer gewidmete Buchmesse und eine Statue des trojanischen Helden Hektor.
Die Höhle selbst soll renoviert und künftig für Besucher zugänglich gemacht werden.
Neue Aufmerksamkeit erhält Homer ausgerechnet durch Christopher Nolans Kinofilm „The Odyssey“, der das Interesse an dem antiken Dichter weltweit neu entfacht hat.
Für Bornovas Bürgermeister Ömer Eski geht es dabei um mehr als Tourismus: Homer sei einer der Begründer der Weltliteratur und sein Erbe müsse bewahrt werden.
Und Forscher Altın sieht in Homer ohnehin keinen Grund für einen Streit zwischen Griechenland und der Türkei. Seine Botschaft: Homer ist Grieche – und zugleich Anatolier.
Die Höhle bei Bornova kann vielleicht niemals beweisen, dass Homer dort tatsächlich seine Verse schrieb. Doch allein die jahrtausendealte Überlieferung macht sie zu einem faszinierenden Ort für alle, die den Spuren des legendären Dichters folgen wollen.