Meeresforscher haben in den Tiefen der nördlichen Ägäis das bislang größte Korallen-Ökosystem der Region aufgespürt. Das als „Korallenwald“ bezeichnete Gebiet erstreckt sich über mehr als zwei Kilometer vor der Küste der türkischen Insel Gökçeada und reicht bis in eine Tiefe von 120 Metern.
Ein sechsköpfiges Team der Türkischen Meeresforschungsstiftung (TÜDAV) lokalisierte das gewaltige Biotop zwischen Gökçeada und der griechischen Insel Samothraki. Dabei kamen Unterwasserroboter und ferngesteuerte Bildsysteme zum Einsatz, die vom Forschungsschiff „TÜDAV-Maru“ aus operierten. Die Expedition wurde finanziell von der türkischen İşbank unterstützt.
Der Leiter der Stiftung, Prof. Bayram Öztürk, erklärte, die bislang unbekannte Korallenansammlung beginne zwei Seemeilen vor der Küste in 70 Metern Tiefe und setze sich bis 120 Meter fort. „Dieses Gebiet beherbergt eine enorme biologische Vielfalt bei gleichzeitig signifikanter Kalziumkarbonat-Anreicherung. Weder auf türkischer noch auf griechischer Seite der Ägäis wurde jemals zuvor ein Korallenwald dieser Größenordnung entdeckt“, so Öztürk weiter.
Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich das Ökosystem in noch tiefere Zonen und internationale Gewässer erstrecken könnte. Das Team stieß zudem auf unterseeische Verwerfungslinien sowie Wasser- und Gasaustritte, deren Zusammenhang mit den Korallengemeinschaften und Kalkablagerungen nun näher erforscht werden soll. „Das entdeckte Areal liegt derzeit in türkischen Hoheitsgewässern, aber die genauen Grenzen des Korallenwaldes sind noch nicht bestimmt. Er könnte sich bis in Tiefen von 200 oder 300 Metern fortsetzen“, fügte der Wissenschaftler hinzu.
Das Forschungsschiff setzt seine Arbeit in der Region fort. Für September und Oktober sind erweiterte Expeditionen geplant, um die tieferen Bereiche des Ökosystems zu untersuchen. Laut Öztürk liegen der Entdeckung zehn Jahre institutionelle Erfahrung mit Korallenökosystemen zugrunde, einschließlich zahlreicher wissenschaftlicher Studien und der Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern. Das Zusammenspiel technologischer Investitionen und langjähriger Expertise habe zu dem Fund geführt.
Nach Angaben der Forscher befinden sich die entdeckten Korallengemeinschaften in einem gesunden Zustand. Läsionen, Gewebeverlust oder Absterbeerscheinungen, wie sie als Folgen des Klimawandels auftreten, wurden nicht festgestellt. Korallenwälder gelten in der Tiefsee als essenzielle Ökosysteme, da sie zahlreichen Meeresarten als Laich- und Aufwuchsgebiet dienen und eine wichtige Rolle im Kohlenstoffkreislauf spielen.
Die Ägäis ist durch tiefe Gräben und dynamische Störungssysteme geprägt, die eine einzigartige Unterwassertopografie formen und vielfältige Lebensräume fernab der Wasseroberfläche begünstigen. Diese empfindlichen Habitate erfordern nach Einschätzung der Wissenschaftler eine kontinuierliche wissenschaftliche Überwachung, um ihren langfristigen Schutz gegenüber wachsenden Umweltgefahren in der Region sicherzustellen.