KYRENIA – Nach dem schweren Fährunglück vor der Küste von Nordzypern geraten die Qualifikation des Kapitäns und die Gültigkeit seiner Lizenz zunehmend ins Visier der Ermittler.
Die Passagierfähre mit 267 Menschen an Bord war am 30. August kurz nach dem Ablegen vom Hafen von Kyrenia gesunken. Bei der anschließenden Such- und Rettungsaktion wurde am 2. September die Leiche eines weiteren Vermissten geborgen. Damit stieg die Zahl der Todesopfer auf mindestens neun.
Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass der Kapitän ursprünglich eine Seefahrtslizenz aus der Türkei besessen hatte. Diese war jedoch abgelaufen, nachdem er seine Tätigkeit auf See rund zehn Jahre lang unterbrochen und die Lizenz anschließend nicht verlängert hatte.
Nach bisherigen Erkenntnissen soll der Kapitän später gegenüber Personen in Griechenland die Nummer seiner alten Lizenz verwendet haben. Anschließend soll er für 3.500 US-Dollar eine neue Lizenz aus Honduras erhalten haben. Mit diesen Unterlagen erlangte er schließlich auch ein Befähigungszeugnis in Nordzypern und übernahm das Kommando über die Fähre.
Hafen war offenbar geschlossen
Auch die Aussagen des zweiten Kapitäns werfen Fragen auf. Er erklärte vor Gericht, dass bereits vor der Abfahrt bekannt gewesen sei, dass der Zielhafen Taşucu an der türkischen Südküste geschlossen war.
Die Entscheidung, dennoch auszulaufen, sei demnach allein auf Anweisung des Kapitäns getroffen worden.
Expertenberichte kommen zudem zu dem Schluss, dass das Unglück möglicherweise hätte verhindert werden können. Demnach hätte die Fähre unmittelbar nach dem Eindringen von Wasser langsam zum Hafen zurückkehren müssen.
Stattdessen soll der Kapitän ein extrem scharfes Manöver durchgeführt haben. Laut den Gutachtern hätte das Unglück dadurch möglicherweise verhindert werden können.
Passagiere berichten von ignorierten Warnzeichen
Mehrere Passagiere gaben an, bereits während der Fahrt bemerkt zu haben, dass Wasser in das Schiff eindrang. Die Besatzung habe die Situation jedoch nach ihren Aussagen nicht ernst genug genommen.
Während die Suche nach den Vermissten weiterging, zog das Unglück auch politische Konsequenzen nach sich: Der Verkehrsminister von Nordzypern, Erhan Arıklı, wurde aus seinem Amt entlassen.
Arıklı, Vorsitzender der Wiedergeburtspartei (YDP), die zu den Koalitionspartnern der Regierung gehört, kündigte daraufhin an, dass sich seine Partei aus der Regierung zurückziehen werde.