Die Türkei erlebt derzeit die niederschlagsreichste Periode seit 66 Jahren. Während vielerorts noch immer Keller ausgepumpt werden, richtet die Wissenschaft ihren Blick bereits auf eine bedrohliche Kehrtwende. Anstatt einer Abkühlung drohen dem Land in den kommenden Monaten extreme Hitze, Dürre und lokale Unwetter in einer neuen Dimension.
Professor Dr. Yusuf Demir von der Ondokuz Mayıs Universität (OMÜ) in Samsun schlägt Alarm. „Wir befinden uns in einer Phase, in der die monatliche Regenmenge teils innerhalb einer Stunde fällt und Sturzfluten auslöst“, analysiert der Leiter der Abteilung für landwirtschaftliche Bauten und Bewässerung die aktuelle Lage. Doch das derzeitige Wetterphänomen täuscht, denn für den Sommer wird keinesfalls ein kühles, regnerisches Klima erwartet. Im Gegenteil: Die Daten zeigen, dass uns vor allem im Juli, August und September eine Periode extremer Hitze und hoher Dürregefahr bevorsteht – bei gleichzeitig lokal schweren Gewittern.“
Drei Treiber für das Chaos am Himmel
Laut Demir stützen sich die aktuellen Unwetter auf drei wissenschaftlich fundierte Hauptfaktoren. Eine Schlüsselrolle spielen die ungewöhnlich hohen Meerestemperaturen im Mittelmeer, die als Feuchtigkeits- und Energielieferant für die Starkregen dienen. Parallel dazu sorgt der globale Jetstream für stark schwankende Luftströmungen. Als dritten Treiber identifiziert der Forscher den Übergangsprozess zwischen den Wetterphänomenen El Niño und La Niña (ENSO). Dieser ist für die Jahre 2025/26 prognostiziert und wird derzeit für die unberechenbaren Niederschlagsspitzen verantwortlich gemacht.
Der Experte weist indes grassierende Verschwörungstheorien scharf zurück. Die in den sozialen Medien kursierenden Behauptungen, die sintflutartigen Regenfälle seien durch Kriege oder ausländische Wettermanipulationen künstlich ausgelöst worden, bezeichnet Demir als „wissenschaftlich völlig haltlos“. Zwar existiere die Technik des Cloud Seeding, um Niederschläge lokal um 5 bis 20 Prozent zu erhöhen. „Aber um Feuchtigkeit über weite Strecken umzuleiten, fehlt es an Energie und wissenschaftlicher Evidenz. Diese Behauptungen sind reine Komplotte, um Klicks zu generieren“, stellt der Professor klar.
Süden kollabiert unter Hitze, Schwarzmeerregion unter Wasser
Ein Blick in die nähere Zukunft skizziert ein gespaltenes Katastrophenszenario. Während für die südlichen und westlichen Landesteile drückende Hitzewellen und ein rapides Abschmelzen der Wasservorräte prognostiziert werden, drohen entlang der Schwarzmeerküste im Hochsommer durch plötzliche, heftige Gewittergüsse weitere Überschwemmungen und Schlammlawinen. Demir mahnt: „Wir müssen uns auf beides vorbereiten. Die Gefahr von sommerlichen Sturzfluten in Regionen wie dem Schwarzmeergebiet wird auch im Juli und August akut bleiben – parallel zur Dürre in anderen Landesteilen.“
Tückischer Überfluss: Volle Stauseen werden zur Gefahr
Die immense Regenmenge der vergangenen Monate hat die Pegelstände der Talsperren massiv ansteigen lassen. In der Provinz Amasya mussten die Behörden bereits Warnungen herausgeben, da Wasser kontrolliert abgelassen wird, um einen Dammbruch zu verhindern – mit entsprechendem Hochwasserrisiko für die Unterlieger.
Demir sieht trotz der vollen Reservoirs keinen Grund zur Entwarnung für die Wasserversorgung. „Man sollte sich nicht täuschen lassen: Der Vorrat schwindet schnell“, warnt der Agrarexperte eindringlich. Während der zu erwartenden Dürreperiode könnten die Ressourcen innerhalb kürzester Zeit aufgebraucht sein. Sein dringender Appell an Bevölkerung und Behörden lautet deshalb, bereits jetzt strikte Spar- und Bewässerungspläne für die kritischen Monate Juli bis September zu entwerfen, um eine landesweite Wasserkrise abzuwenden.