Nach einer Serie kleiner Erdbeben im Marmarameer mahnt der türkische Geologe Prof. Dr. Osman Bektaş zu erhöhter wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Die jüngsten Erschütterungen seien zwar kein unmittelbarer Hinweis auf ein bevorstehendes schweres Erdbeben, könnten jedoch wichtige Erkenntnisse über die aktuelle Aktivität der Marmara-Verwerfung liefern.
Mikro-Erdbeben im Fokus
Nach Angaben der türkischen Katastrophenschutzbehörde AFAD wurden in den vergangenen Tagen mehrere Mikro-Erdbeben mit Magnituden unter 3,5 im Bereich des Zentralen Marmara-Beckens registriert. Die Beben ereigneten sich in Tiefen zwischen sechs und neun Kilometern.
Diese Häufung kleiner Erschütterungen wird von Seismologen aufmerksam beobachtet.
„Kein eindeutiges Vorzeichen“
Prof. Dr. Bektaş erklärte in einem Beitrag in den sozialen Medien, dass solche Erdbebencluster darauf hindeuten könnten, dass sich Spannungen entlang eines Abschnitts der Verwerfung durch kleinere Brüche neu verteilen.
Gleichzeitig betonte er ausdrücklich, dass diese Aktivität für sich genommen kein verlässlicher Vorbote eines großen Erdbebens sei.
Entscheidend werde sein, ob sich innerhalb der kommenden drei bis sieben Tage stärkere Erdbeben mit einer Magnitude über 4 entwickeln. Dies könne wichtige wissenschaftliche Hinweise auf das Verhalten der Verwerfung liefern.
Mehrere Szenarien möglich
Bektaş warnte außerdem davor, die Erdbebengefahr im Marmaragebiet auf ein einziges Modell zu reduzieren.
Nach seiner Einschätzung gibt es verschiedene mögliche Entwicklungen. Die häufig vertretene Annahme, wonach der östliche Marmara-Abschnitt und die Adalar-Verwerfung vollständig blockiert seien, bezeichnete er als ein mögliches Szenario, nicht jedoch als gesicherte Tatsache.
Sedimentschichten erschweren Messungen
Der Geologe wies zudem darauf hin, dass mächtige, wasserhaltige Sedimentschichten im Marmarameer Messdaten verfälschen könnten. Dadurch könnten geophysikalische Verfahren wie GPS-, InSAR- oder akustische Messungen am Meeresboden das tatsächliche Verhalten der tieferliegenden Hauptverwerfung möglicherweise nicht vollständig erfassen.
Fachleute betonen grundsätzlich, dass Zeitpunkt und Stärke eines Erdbebens derzeit wissenschaftlich nicht zuverlässig vorhergesagt werden können. Einzelne Erdbebenserien oder Mikro-Erdbeben erlauben daher keine sichere Aussage darüber, ob oder wann ein größeres Erdbeben folgen wird.