Am Nachmittag ereignete sich in der südtürkischen Region um Adana und Osmaniye eine Serie von Erdbeben. Laut der Katastrophenschutzbehörde AFAD erschütterte um 14:19 Uhr Ortszeit ein Beben der Stärke 4,8 die Gegend um den Kreis Saimbeyli in Adana in einer Tiefe von rund acht Kilometern. Nur 17 Minuten später, um 14:36 Uhr Ortszeit, folgte an gleicher Stelle ein Beben der Stärke 4,9 bei einer Tiefe von 8,67 Kilometern. Um 14:43 Uhr wurde schließlich der Kreis Sumbas in der Provinz Osmaniye von einem Erdstoß der Stärke 5,2 in sieben Kilometern Tiefe getroffen. Im weiteren Verlauf des Abends wurden aus Saimbeyli zwei weitere Beben der Stärken 4,4 (19:00 Uhr) und 4,3 (20:28 Uhr) gemeldet.
Behörden: Keine negativen Meldungen bislang
Der Gouverneur von Adana, Mustafa Yavuz, erklärte im türkischen Fernsehen, die betroffenen Gebiete lägen am Fuße des Taurusgebirges und seien eher ländlich geprägt. AFAD-, Gendarmerie- und Notdiensteinheiten sowie die Kreisverwaltungen seien im Einsatz und würden die Lage vor Ort überprüfen. Bis zum Abend seien keine negativen Vorfälle gemeldet worden. Yavuz rief die Bevölkerung zu Ruhe und Vorsicht auf und verwies auf die Erfahrungen aus den Beben vom 6. Februar 2023. Die Einsatzkräfte sollten über Nacht in der Region bleiben.
Auch der Gouverneur von Osmaniye, Mehmet Fatih Serdengeçti, sagte, alle öffentlichen Stellen arbeiteten koordiniert und es lägen keine Informationen über Schäden vor. Innenminister Mustafa Çiftçi erklärte in den sozialen Medien, die Einsatzkräfte hätten umgehend mit der Flächenabsuche begonnen und derzeit gebe es keine negativen Entwicklungen. AKP-Sprecher Ömer Çelik versicherte, der Staat stehe den Bürgern zur Seite und alle Arbeiten würden eng begleitet.
Experte: Beben hängen mit den Ereignissen vom Februar 2023 zusammen
Der Geologieprofessor Hakan Güneyli von der Çukurova-Universität bewertete die Erschütterungen gegenüber der Nachrichtenagentur AA. Die Region sei von den Erdbeben um Kahramanmaraş am 6. Februar 2023 betroffen gewesen. Die aktuellen Beben ließen sich als Freisetzung elastischer Deformationsenergie erklären, die sich nach den Ereignissen von 2023 nach Westen und Südwesten verlagert und dort angesammelt habe.
Nach den bisher vorliegenden Daten deuteten die Abläufe auf eine abklingende Sequenz hin. Auf das stärkste Beben der Stärke 5,2 seien zahlreiche kleinere Erdstöße gefolgt, deren Häufigkeit und Stärke abnehmen. Nachbeben seien weiterhin möglich, jedoch in größeren zeitlichen Abständen. Güneyli wies zudem darauf hin, dass die Karataş-Yumurtalık-Verwerfung in der kommenden Zeit Potenzial für Erdbeben berge. Angesichts der derzeit niederschlagsreichen Witterung und der steilen Geländeverhältnisse besteht zudem ein erhöhtes Risiko für Hangrutschungen und Steinschläge. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, dies zu beachten.
Pampal: Bekannte, aktive Verwerfungen – keine unerwarteten Beben
Der Geologieprofessor Süleyman Pampal erklärte im Fernsehen, dass sich das erste Beben südlich von Saimbeyli im Bereich der von ihm so bezeichneten Yarbı-Verwerfung ereignet habe, einer aktiven, ost-west-verlaufenden Störung. Sie liegt nahe dem westlichen Ende der Çardak-Verwerfung, die am 6. Februar 2023 das zweite große Beben ausgelöst hat. Es handele sich um bekannte, aktive Strukturen und nicht um unbekannte Verwerfungen. Derartige Beben seien in der Region zu erwarten gewesen und könnten Stärken von fünf bis sechs erreichen. Größere Beben mit Stärken von sieben bis acht seien von diesen Strukturen jedoch nicht zu erwarten.
Pampal wies jedoch auf eine weitere, größere Verwerfung weiter nördlich bei Saimbeyli hin, die er als Yarbı-Verwerfung kartiert habe und die noch nicht offiziell benannt sei. Sollte sich diese bewegen, bestehe ein höheres Potenzial für ein stärkeres Beben. Grundsätzlich ist die Region tektonisch aktiv mit zahlreichen Verwerfungen, die Beben bis über Stärke sechs erzeugen können. Der Experte betonte zudem die Bedeutung des Untergrunds: Die Böden der Çukurova-Ebene bestehen überwiegend aus alluvialen, wasserführenden Schichten, die Erschütterungen um das Drei- bis Vierfache verstärken können. Besonders kritisch sei die Kombination aus weichem Untergrund und schwerer, mehrstöckiger Betonbauweise. Pampal verwies auf Verflüssigungsphänomene, wie sie beim Erdbeben von Niigata in Japan zu beobachten waren, und auf die Erfahrungen vom 6. Februar 2023 in der Türkei. Auf alluvialem Boden sollten leichte, niedrige Gebäude errichtet werden, auf Felsuntergrund seien auch mehrstöckige Bauten bei fachgerechter Ausführung möglich.
Bektaş: Kein Grund zur Panik, aber Beobachtung nötig
Der Geologieprofessor Osman Bektaş sagte im Fernsehen, dass es in der Region seit 2023 immer wieder Beben der Stärke vier bis fünf gebe, denen jedoch kein großes Beben gefolgt sei. Dies könne bedeuten, dass sich Energie entlade. Die Abfolge von 4,2 über 4,9 bis 5,2 bezeichnete er als ungewöhnlich für die Savrun-Verwerfung und als Anlass, die Situation aufmerksam zu beobachten. Für die Bevölkerung in Adana bestehe derzeit jedoch kein Grund zur Panik. Die Verwerfung verhalte sich anders als die Strukturen der Maraş-Beben und setze Energie schrittweise frei. Ein Beben der Stärke sechs sei möglich, dürfte angesichts des Gebäudebestands in Adana aber keine sehr großen Schäden verursachen. Eine genaue Beobachtung ist dennoch geboten.
Hintergrund: Türkei als tektonisch aktive Zone
Pampal ordnete die Ereignisse in den weiteren Zusammenhang ein: Die Türkei ist tektonisch aktiv und erlebt im Durchschnitt alle 6,5 Jahre ein Beben der Stärke sieben oder höher. Neben der Yedisu-Verwerfung im Osten und der Orta-Marmara-Verwerfung bei Istanbul nannte er die Malatya-Verwerfung, die Ovacık-Verwerfung, die Ecemiş-Verwerfung bei Pozantı sowie Strukturen bei Kayseri und in Westanatolien als Bereiche mit erhöhtem Potenzial. Keine Region sei sicherer als eine andere, das Land liege insgesamt in einer Zone hoher Erdbebengefahr.