Der Traum vom emissionsarmen Kurzstreckenflug nimmt konkrete Formen an. Ab Beginn der 2030er-Jahre könnten batteriebetriebene Flugzeuge auf den beliebtesten Kurzstrecken in Europa Realität werden. Trotz anhaltender Skepsis in der Bevölkerung betrachten Experten diese Technologie als zentralen Baustein für eine nachhaltigere Luftfahrt.
„Viele Menschen halten batteriebetriebene Flugzeuge noch immer für einen fernen Traum”, sagt Carlos Lopez de la Osa, technischer Leiter für Luftfahrt bei der Europäischen Föderation für Verkehr und Umwelt (T&E). „Dabei sind Elektro- und Hybridflüge die elementare Lösung, um Kurzstrecken nachhaltiger zu gestalten und die Abhängigkeit von importiertem Flugbenzin zu reduzieren.“
Die Entwicklung wird durch die volatile geopolitische Lage zusätzlich befeuert. Angesichts schwankender Ölpreise durch Spannungen im Nahen Osten bieten treibstofffreie Elektroflüge eine krisenfeste Alternative. Neben dem Schutz vor Preisschocks verspricht die Technologie eine deutliche Reduzierung von Lärm- und Schadstoffemissionen. Zudem könnte sie Regionen an das Luftverkehrsnetz anbinden, die von großen Airlines derzeit nicht bedient werden.
Jede vierte Route wäre abdeckbar
Zahlreiche Start-ups liefern sich derzeit einen Wettlauf um die Marktreife. Die meisten Modelle der ersten Generation zielen auf eine Reichweite von 500 Kilometern ab. Laut Analysen der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) könnten mit dieser Distanz bereits ein Viertel aller europäischen Flugrouten bedient werden. Beliebte Verbindungen wie London–Dublin, Athen–Santorin oder Barcelona–Ibiza lägen innerhalb dieses Limits.
Das wirtschaftliche Kalkül ist ambitioniert: Das deutsche Unternehmen Vaeridion veranschlagt Betriebskosten von unter 0,50 Euro pro Passagierkilometer, was einem Wert auf Bahnniveau entspricht. Die endgültigen Ticketpreise hängen jedoch von den Flughafengebühren und Steuern ab. Der Hersteller des neunsitzigen Elektroflugzeugs strebt die Passagierzulassung für das Jahr 2030 an und hat bereits Kaufverpflichtungen für 100 Maschinen erhalten.
Airbus-Lücke als Chance für Start-ups
Während Großkonzerne wie Airbus ihre Zeitpläne für Nullemissionsflugzeuge nach hinten verschieben, stoßen agile Neugründungen in die Lücke. Die ersten batterieelektrischen Maschinen werden aufgrund ihrer geringen Größe zunächst nicht mit konventionellen Jets konkurrieren, sondern ländliche Räume ohne Linienflugverbindungen erschließen.
Deutlich ambitioniertere Pläne verfolgt der niederländische Hersteller Elysian Aircraft. In Partnerschaft mit KLM soll bereits um das Jahr 2035 ein 90-Sitzer abheben, der bis zu 1.000 Kilometer rein elektrisch zurücklegen kann. Das französische Unternehmen Aura Aero setzt derweil auf einen Hybridansatz: Der 19-sitzige Regionalflieger soll mit einer Reichweite von 1 500 Kilometern punkten.
„Der Hybridantrieb erlaubt unserem Flugzeug, weiter zu fliegen, senkt die Emissionen aber dennoch um bis zu 80 Prozent”, erklärt Antoine Toulemont, Europa-Berater von Aura Aero. „Selbst zu heutigen Kerosinpreisen rechnen wir mit einer Halbierung der direkten Betriebskosten.“ Zudem könne die Maschine problemlos Sustainable Aviation Fuels (SAF) nutzen.
Diese Technologie gilt insbesondere für Regionen als zukunftsträchtig, in denen die Bahn keine Alternative darstellt. Während Frankreich Inlandsflüge mit einer Bahn-Alternative von unter 2,5 Stunden bereits verboten hat und Spanien ähnliche Pläne prüft, gibt es für Inseln und grenzüberschreitende Routen über Wasser oft keine praktikable Zugverbindung – ein Markt, auf den die elektrische Luftfahrt nun abzielt.