In der Nordwesttürkei haben sintflutartige Regenfälle zu einer dramatischen Erhöhung des Wasserstands im Uluabat-See geführt. In den vergangenen Wochen stieg der Pegel um fast fünf Meter an und drückt nun massiv gegen die Grundmauern der historischen Ortschaft Gölyazı. Der idyllisch auf einer Halbinsel gelegene Ort, der wegen seiner Kanäle und Wasserwege oft als „Kleines Venedig“ bezeichnet wird, kämpft mit den Folgen dieser Naturgewalt.
Die Fluten haben Küstenstraßen, Uferwege und zahlreiche Bäume entlang der Uferzone überflutet. Besonders prekär ist die Lage an der einzigen Verbindungsbrücke zwischen dem Inselteil Gölyazıs und dem Festland. Während das Bauwerk in den vergangenen Dürrejahren noch trocken passierbar war, ragen nun nur noch die Geländer aus dem Wasser, da die Unterführung komplett geflutet ist.
„Im vergangenen Jahr konnte man noch problemlos mit dem Auto unter der Brücke durchfahren, jetzt ist nicht einmal mehr Platz für ein kleines Boot“, schildert der örtliche Ladenbesitzer Mustafa Kesimci die rasante Entwicklung. Gleichzeitig zeigt er sich beeindruckt von der neuen Ästhetik: „Wenn der Wind aufkommt, bilden sich hier Wellen, das ist optisch atemberaubend.“
Der aktuelle Wasserstand markiert den höchsten Wert seit 2014.
Zuvor hatte der See, der als eines der artenreichsten Ökosysteme der Türkei gilt und unter dem internationalen Ramsar-Abkommen zum Schutz von Feuchtgebieten steht, stark unter anhaltender Dürre und Umweltbelastungen gelitten.
Die wiederkehrenden Fluten bedeuten für die Bewohner eine Zäsur. Während die Natur rund um das geschützte Biotop mit seinen seltenen Vogelarten und Fischbeständen auflebt, rücken die Wassermassen den Menschen buchstäblich auf die Pelle. Die Anwohner hoffen, dass das Naturschauspiel ähnlich wie die Aufnahme in die Liste der „30 schönsten Städte Europas“ durch den japanischen Reiseverband neue Besucherströme in die Region locken wird. Ob der Ort dem Druck der Wellen langfristig standhalten kann, ist jedoch fraglich.