KAHRAMANMARAŞ – Drei Jahre nach den verheerenden Erdbeben vom 6. Februar 2023 ist die Trauer in der Türkei weiterhin allgegenwärtig. Mehr als 53.700 Menschen verloren damals ihr Leben, Millionen wurden aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen. Zum dritten Jahrestag gedachte das Land der Opfer einer Katastrophe, die als eine der größten Tragödien der modernen türkischen Geschichte gilt.
In den frühen Morgenstunden des 6. Februar 2023 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,7 die Provinz Kahramanmaraş. Nur wenige Stunden später folgte ein weiteres Beben der Stärke 7,6. Die beiden Erdstöße verwüsteten elf Provinzen, zerstörten ganze Stadtviertel und trafen das Leben von rund 13,5 Millionen Menschen.
Zum Jahrestag versammelten sich Angehörige in den betroffenen Regionen auf Friedhöfen, legten Blumen nieder, sprachen Gebete und erinnerten sich an ihre Angehörigen, die nicht mehr zurückkehrten. In den Provinzen Kahramanmaraş, Gaziantep, Adıyaman, Hatay, Malatya und Osmaniye blieben die Schulen an diesem Tag geschlossen.
Präsident Recep Tayyip Erdoğan gedachte der Opfer in den frühen Stunden des 6. Februar mit einer Botschaft in den sozialen Medien. Er betonte, dass die Türkei die Verstorbenen nicht vergessen werde und ihr Vermächtnis bewahre. Das Land habe sich verpflichtet, die zerstörten Städte wieder aufzubauen und die Erinnerung an die Opfer lebendig zu halten. „Mit Gottes Hilfe ist uns dies gelungen“, erklärte Erdoğan und verwies darauf, dass die Städte innerhalb von drei Jahren wiederaufgebaut worden seien.
Besonders in Hatay, einer der am schwersten betroffenen Provinzen, zeigt sich heute der starke Kontrast zwischen Zerstörung und Wiederaufbau. Bilder der eingestürzten Viertel von 2023 stehen nun neuen Skylines gegenüber, während in vielen Regionen dort neue Gebäude entstanden sind, wo einst Trümmer die Straßen bedeckten.
Neben dem Wiederaufbau rückten am Jahrestag auch Geschichten außergewöhnlicher Menschlichkeit in den Fokus. In einem Universitätskrankenhaus in Malatya erinnerten sich Ärzte an den Moment des zweiten Bebens, als sie trotz der Gefahr den Operationssaal nicht verließen. Sie hielten die Trage eines schwer verletzten Patienten fest, um sein Leben zu retten. „Hätten wir losgelassen, wäre der Patient gestorben“, sagte der Orthopäde Okan Aslantürk. Der Patient, Kenan Karadağ, überlebte nach 45 Tagen auf der Intensivstation, verlor jedoch infolge der Katastrophe ein Bein.
Für viele Überlebende bedeutete das Leben nach dem Erdbeben einen völligen Neuanfang. Önal Burç, ursprünglich aus Hatay, baute sich in der zentralanatolischen Provinz Yozgat mit Unterstützung der lokalen Bevölkerung eine neue Existenz auf. „Wenn man die Trümmer sieht, versteht man, wie wertvoll selbst ein einzelnes Paar Socken ist“, sagte er. Wie viele andere hofft auch er, eines Tages in seine Heimat zurückkehren zu können.
Fachleute betonen, dass trotz anhaltender Traumata Anzeichen gesellschaftlicher Widerstandskraft erkennbar seien. „Der Mensch ist anpassungsfähig“, sagte der Psychologe Gökay Keldal. Trotz großer Verluste fänden viele Wege zurück in den Alltag. Der Wiederaufbau und die Rückkehr zu Routinen spielten dabei eine zentrale Rolle.
Der Wiederaufbau ist ein Kernbestandteil der nationalen Erholungsstrategie. Nach Angaben von Umwelt- und Städtebauminister Murat Kurum wurden in der Erdbebenregion bislang 455.000 Wohneinheiten fertiggestellt – ein Wiederaufbauprojekt, das er als beispiellos bezeichnete.
Während neue Häuser entstehen und Städte langsam wieder Gestalt annehmen, bleibt die Erinnerung an jene Nacht tief im kollektiven Gedächtnis des Landes verankert – als Mahnung an Verlust, Zusammenhalt und den langen Weg der Heilung.