Die Türkei will eine Reihe aufsehenerregender, bislang ungelöster Kriminalfälle neu untersuchen. Justizminister Yılmaz Tunç Gürlek kündigte am 21. April in der Hauptstadt Ankara an, dass eine spezielle Einheit eingerichtet wurde, um sogenannte „Cold Cases“ erneut zu prüfen.
Nach Angaben des Ministers werden alle Verfahren, die entweder gegen unbekannte Täter geführt oder ohne Anklage eingestellt wurden, systematisch neu bewertet. Dabei soll insbesondere untersucht werden, ob es Versäumnisse oder Unregelmäßigkeiten in den bisherigen Ermittlungen gegeben hat und ob neue Beweise vorliegen.
Im Fokus stehen vor allem Fälle, die in der Öffentlichkeit große Empörung ausgelöst haben. „Wir werden diese Fälle mit Entschlossenheit und Sorgfalt verfolgen“, erklärte Gürlek.
Neue Dynamik hat die Initiative unter anderem durch den Fall der vermissten Studentin Gülistan Doku erhalten. Die junge Frau verschwand am 5. Januar 2020 in der osttürkischen Provinz Tunceli. Im Zuge der wieder aufgenommenen Ermittlungen wurden inzwischen 15 Personen festgenommen, 11 davon in Untersuchungshaft.
Die Behörden konzentrieren sich derzeit darauf, den Verbleib von Dokus Leichnam zu klären. In dem komplexen Fall stehen unter anderem der Sohn eines damaligen Gouverneurs sowie weitere Beteiligte im Verdacht, in die Tat verwickelt zu sein oder Beweismittel manipuliert zu haben.
Auch andere Fälle sollen überprüft werden, darunter der Tod der elfjährigen Rabia Naz Vatan, die vor acht Jahren schwer verletzt vor ihrem Haus in Giresun gefunden wurde und später im Krankenhaus starb. Während ein gerichtsmedizinisches Gutachten von einem Sturz aus großer Höhe ausgeht, zweifelt die Familie diese Version an und vermutet einen Verkehrsunfall mit Fahrerflucht.
Ein weiterer Fall betrifft die Studentin Rojin Kabaiş, die im September 2024 verschwand und im Oktober tot am Ufer eines Sees in der Provinz Van aufgefunden wurde. Zunächst wurde von einem Suizid ausgegangen, doch neue forensische Erkenntnisse – darunter DNA-Spuren zweier Männer – könnten den Fall in eine andere Richtung lenken.
Welche weiteren Fälle in die Überprüfung einbezogen werden, ließ das Justizministerium offen. Beobachter gehen jedoch davon aus, dass in den kommenden Tagen weitere ungeklärte oder eingestellte Verfahren neu aufgerollt werden.