Braune Verfärbung im Golf von İzmit: Meeresbiologe erklärt natürliche Ursachen

30.05.2026 – 19:00 Uhr

Ein ungewohnter Anblick erschreckt derzeit die Anwohner und Spaziergänger am Golf von İzmit: Im Bezirk Körfez, genauer gesagt an der Küste von Tütünçiftlik, hat sich das Meerwasser großflächig braun gefärbt. Drohnenaufnahmen zeigen das ganze Ausmaß dieses Phänomens, das sich vor allem entlang der Uferzone und bei einem dort liegenden Schiffswrack konzentriert. Die Behörden geben jedoch Entwarnung.

Prof. Dr. Halim Aytekin Ergül von der Universität Kocaeli zufolge handelt es sich nicht um eine Umweltkatastrophe oder eine neue Verschmutzungswelle, sondern um ein saisonales und für die Region typisches Naturphänomen. „Das ist für den Golf von İzmit nichts Neues oder Überraschendes. Es tritt jedes Jahr um diese Zeit auf“, erklärt der Meeresbiologe.

Ursache für die kaffeeartige Trübung ist eine explosionsartige Vermehrung mikroskopisch kleiner Algen, sogenannter Dinoflagellaten. Insbesondere der Einzeller Prorocentrum micans ist für die Verfärbung verantwortlich, die in der Wissenschaft als „Red Tide” (Rote Flut) bekannt ist. Die Organismen nutzen Stickstoff- und Phosphorverbindungen aus häuslichen Abwässern als Nahrungsgrundlage. In Kombination mit den jahreszeitlich bedingt hohen Temperaturen und einer verlangsamten Wasserzirkulation kommt es zur Massenvermehrung der Algen.

„Kein Grund zur Panik“ – Experte warnt vor Fehlalarm

Prof. Ergül betont, dass von der aktuellen Algenblüte keine unmittelbare Gefahr für den Menschen ausgeht. „Diese Art sondert keine bekannten Giftstoffe ab und schadet dem Menschen oder dem Meer direkt nicht. Es gibt also keinen Grund zur Angst oder Panik.“ Dennoch weist er auf einen indirekten Zusammenhang mit einem anderen bekannten Problem des Marmarameeres hin: „Diese Organismen können zur Schleimbildung, dem sogenannten Müsilaj, beitragen. Die jetzige Situation ist aber noch nicht auf einem besorgniserregenden Niveau.“

Aus Sicht des Wissenschaftlers liegt das eigentliche Problem tiefer – in der ungelösten Abwasserfrage. Die Mikroorganismen, die den Müsilaj verursachen, sind nie verschwunden, sondern waren stets im Wasser präsent. „Sobald die Bedingungen günstig sind, vermehren sie sich rasant und werden wie heute sichtbar.“ Die Kläranlagen der Kommunen laufen zwar, doch die enorme Bevölkerungsdichte und die anhaltende Zuwanderung bringen die Infrastruktur an ihre Grenzen.

Sobald die Luft- und Wassertemperaturen weiter ansteigen, wird sich das Phänomen auf natürlichem Weg wieder lösen. „Die Algen werden absinken und verschwinden”, so Ergül. Langfristig liege die Lösung jedoch nicht im Warten auf besseres Wetter, sondern in der Reduzierung der Abwasserlast an der Quelle und einer besseren Steuerung der demografischen Konzentration in der Region.