Die türkische Inflationsrate ist im September 2026 erstmals seit Langem wieder unter die Marke von 30 Prozent gefallen. Das ist eine gute Nachricht für die Wirtschaft des Landes. Für die Tourismusbranche an der Türkischen Riviera stellt sich die Lage jedoch differenzierter dar. Darauf hat der Präsident des Verbands der Tourismusunternehmer von Antalya (AKTOB), Kaan Kaşif Kavaloğlu, in der Verbandszeitschrift AKTOB BÜLTEN hingewiesen.
Laut dem türkischen Statistikamt TÜİK stieg der Verbraucherpreisindex im September 2026 um 1,84 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Die Jahresinflationsrate sank auf 29,73 Prozent. Im Vergleich zum Dezember 2025 ergibt sich für die ersten neun Monate des Jahres ein Preisplus von 24,32 Prozent. Der zwölfmonatige Durchschnitt liegt bei 31,49 Prozent.
Kurse bleiben hinter der Inflation zurück
Für die Tourismuswirtschaft ist jedoch nicht nur die Richtung der Inflation entscheidend, sondern auch das Verhältnis zwischen Inflation und Wechselkursentwicklung. Zum 30. September 2026 notierte der US-Dollar bei 49,02 TL und der Euro bei rund 55,70 TL. Seit Jahresbeginn legte der Dollar gegenüber der türkischen Lira um etwa 13,91 Prozent zu, der Euro um 10,36 Prozent. Im selben Zeitraum stiegen die Verbraucherpreise in der Türkei jedoch um 24,32 Prozent.
Daraus ergibt sich für die ersten neun Monate eine Differenz von rund 10,4 Prozentpunkten zwischen der Inflation und dem Anstieg des Dollarkurses sowie von etwa 14 Prozentpunkten gegenüber dem Eurokurs.
Beispielrechnung: Rund elf Prozent Kaufkraftverlust
Eine Beispielrechnung verdeutlicht die Auswirkungen auf die Betriebe: Wäre der in Lira erzielte Umsatz aus einem Euro-Geschäft zu Jahresbeginn allein durch den Anstieg des Euro-Kurses um rund 10,4 Prozent nominal gewachsen, so hätte sich die reale Kaufkraft dieses Erlöses in Lira bis Ende September um etwa elf Prozent verringert. Denn das allgemeine Preisniveau stieg im selben Zeitraum um 24,32 Prozent. Auf Dollar-Basis fällt der reale Verlust mit etwa acht Prozent etwas geringer aus.
Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Gewinne der Betriebe um elf Prozent gesunken sind. Auslastung, Zimmerpreise, Vertragssteigerungen, Erlösvielfalt und die individuelle Kostenstruktur sind für die endgültige Rentabilität entscheidend. Sie zeigt jedoch, dass ein unveränderter Devisenpreis bei gleichzeitig steigenden Inlandspreisen nicht ausreicht, um die Kostenentwicklung auszugleichen.
Erlöse in Devisen, Kosten in Lira
Das strukturelle Problem der Branche liegt in der unterschiedlichen Währungsbasis: Während die Erlöse der Beherbergungsbetriebe überwiegend in Devisen anfallen, werden Arbeitskräfte, Energie, Lebensmittel, Instandhaltung, Transport, Mieten und zahlreiche Dienstleistungen von der Preisentwicklung in der Türkei beeinflusst. Im September 2026 lag die Jahresrate der Preissteigerung bei Wohnen, Wasser, Strom, Gas und sonstigen Brennstoffen bei 39,99 Prozent und im Verkehr bei 35,10 Prozent. Beide Werte liegen über der Gesamtinflation und über dem Anstieg der Wechselkurse.
Auch auf der Kostenseite im Dienstleistungsbereich bleibt der Druck bestehen. Laut den zuletzt veröffentlichten Daten für August 2026 stieg der Erzeugerpreisindex für Dienstleistungen um 33,29 Prozent im Jahresvergleich und um 2,87 Prozent im Monatsvergleich. Im September legte der inländische Erzeugerpreisindex um 27,38 Prozent jährlich und 2,07 Prozent monatlich zu. Die rückläufige Inflationsrate spiegelt sich somit nicht im gleichen Tempo in der Kostenstruktur der Tourismusbetriebe wider.
Internationaler Wettbewerb begrenzt Spielraum bei Preisen
Hinzu kommt, dass die Betriebe die Kostendifferenz nicht uneingeschränkt an ihre Kunden weitergeben können. So kann ein Hotel in Antalya seine Preise nicht allein an der türkischen Inflation ausrichten. Auch die Preise in Spanien, Griechenland, Ägypten und anderen Mittelmeer-Destinationen, die Kaufkraft der Kunden in den Quellmärkten, Verträge mit Reiseveranstaltern sowie die Flugkosten beeinflussen die Preisgestaltung.
Für die Saison 2027 kommt dieser Entwicklung zusätzliche Bedeutung zu. In der Tourismusbranche werden Preise und Veranstalterverträge häufig Monate vor Saisonbeginn festgelegt, während sich die operativen Kosten für Energie, Personal, Lebensmittel und Instandhaltung im Jahresverlauf weiter verändern. Aus Sicht der Branche ist daher nicht nur eine sinkende Inflation entscheidend, sondern auch eine vorhersehbarere Entwicklung von Inflation, Wechselkursen und Betriebskosten.
Kavaloğlu: Reale Erträge sichern
AKTOB-Präsident Kavaloğlu bewertete die gesunkenen Inflationszahlen grundsätzlich positiv, verwies jedoch auf die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung. „Wir bewerten den Abwärtstrend bei der Inflation positiv. Für den Tourismus müssen wir die Lage aber aus einer anderen Perspektive betrachten.“ „Unsere Branche erwirtschaftet Devisen, doch ein sehr wichtiger Teil unserer Kosten entsteht in der Türkei. In den ersten neun Monaten lag die Inflation bei über 24 Prozent, während der Euro nur um etwa zehn Prozent stieg. Unsere Erlöse und unsere Kosten entwickeln sich also nicht im gleichen Tempo.“
Kavaloğlu betonte, dass die Betriebe die Kostensteigerungen nicht unmittelbar an die Preise weitergeben können. „Der Tourismus ist eine der Branchen mit dem intensivsten internationalen Wettbewerb. Wir können den Preis von Antalya nicht allein an den Kosten in der Türkei ausrichten. Wir konkurrieren mit Spanien, Griechenland, Ägypten und anderen Destinationen im Mittelmeerraum um dieselben Kunden in denselben Märkten“, so Kavaloğlu. „Wenn unsere Kosten mit der Inflation steigen, der Lira-Gegenwert unserer Devisenerlöse aber nicht im gleichen Tempo zunimmt, entsteht zwangsläufig Druck auf die realen Erträge und Margen unserer Betriebe.“
Mit Blick auf die Preisgestaltung für die Saison 2027 hob Kavaloğlu die Bedeutung von Planungssicherheit hervor: „Für uns ist nicht nur wichtig, dass die Inflation sinkt, sondern auch, dass sich dieser Rückgang in den Betriebskosten niederschlägt. Es braucht eine ausgewogenere und besser vorhersehbare Struktur zwischen Kurs, Inflation und Kosten. Im Tourismus schließen wir Verträge Monate im Voraus ab, während sich unsere Kosten während der Saison weiter verändern. Deshalb brauchen wir mit Blick auf 2027 eine Balance, die sowohl die internationale Wettbewerbsfähigkeit als auch die realen Erträge der Branche sichert.“
Laut Kavaloğlu sollte sich der Sektor künftig nicht allein auf die Zahl der Besucher konzentrieren, sondern auf die wirtschaftliche Wertschöpfung. „Das Ziel von Antalya muss über mehr Besucher hinausgehen. Es muss darum gehen, den Umsatz pro Besucher, die Übernachtungserlöse und die von uns geschaffene Wertschöpfung zu steigern. Wir müssen ohne Abstriche bei der Servicequalität einen höheren Wert erzeugen und dies in ein wirtschaftlich tragfähiges Modell für die Betriebe überführen.“