Die Türkei hat 100 weitere Kulturgüter aus den USA zurückerhalten. Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy präsentierte die Objekte bei einer Pressekonferenz im Archäologischen Museum Istanbul. Zugleich eröffnete er die Ausstellung „Keine Flucht: Boubon“, die die Rückführung der aus der antiken Stadt Boubon geraubten Bronzestatuen dokumentiert.
An der Veranstaltung nahm auch Matthew Bogdanos, stellvertretender Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, teil. Ersoy erläuterte die Hintergründe der Rückgaben und hob die Bedeutung wissenschaftlicher Untersuchungen sowie der internationalen Zusammenarbeit hervor.
Auslöser für einen Teil der Rückführungen war eine Auktion im Mai 2026. Ein in den USA ansässiges Auktionshaus hatte damals Kulturgüter anatolischer Herkunft zum Verkauf angeboten. Das türkische Kulturministerium stellte wissenschaftliche Unterlagen und Belege zusammen und übermittelte sie an die Staatsanwaltschaft von Manhattan sowie die US-Ermittlungsbehörde Homeland Security Investigations (HSI). Daraufhin wurde der Verkauf gestoppt und die Rückgabe der Objekte erreicht.
40 Funde aus Horoztepe nach rund 70 Jahren zurück
Unter den zurückgeführten Objekten befinden sich 40 Stücke aus Horoztepe im Landkreis Erbaa in der Provinz Tokat. Sie stammen aus der Zeit zwischen 2300 und 2000 vor Christus und geben Einblick in die hoch entwickelte Metallverarbeitung Anatoliens während der frühen Bronzezeit.
Die Sammlung umfasst zeremonielle Musikinstrumente, Waffen und Metallgefäße. Für ihre Identifizierung wurden unter anderem die wissenschaftlichen Arbeiten des Archäologen Tahsin Özgüç herangezogen. Auch Unterlagen zu illegalen Ausgrabungen in Horoztepe aus dem Jahr 1953 und zu den damals geborgenen Funden flossen in die Untersuchungen ein.
Die Kombination aus archäologischen Vergleichen, historischen Aufzeichnungen und Dokumenten zur späteren Aufnahme der Objekte in Museumssammlungen ermöglichte schließlich ihre Rückführung nach fast sieben Jahrzehnten.

44 Terrakotta-Reliefs aus dem Getty Museum
Eine weitere bedeutende Gruppe bilden 44 Terrakotta-Architekturplatten aus dem Dorf Düver in der Provinz Burdur. Die Objekte stammen aus dem 6. Jahrhundert vor Christus und gehören damit in die archaische Epoche.
Die Platten wurden einst als Bauelemente und Verzierungen an Gebäudedächern verwendet. Ihre Formen und Verzierungen wurden mit bekannten archäologischen Funden verglichen, außerdem werteten die Experten Archiv- und Sammlungseinträge aus.
Nach Rückgaben aus den USA im Jahr 2022, aus Dänemark 2024 und aus dem Virginia Museum of Fine Arts 2025 gelang nun auch die Rückführung der Stücke aus dem J. Paul Getty Museum. Die zurückgekehrten Platten sollen künftig mit weiteren Objekten aus den Sammlungen des Archäologischen Museums Istanbul zusammengeführt werden.
Aphrodisias-Porträt dank altem Ermittlungsprotokoll identifiziert
Zu den zurückgekehrten Kulturgütern gehört außerdem ein Porträt aus der antiken Stadt Aphrodisias. Bei der Aufarbeitung seiner Herkunft verglichen Fachleute Archivdokumente und ältere Sammlungsunterlagen.
Eine entscheidende Rolle spielte dabei ein Ermittlungsprotokoll aus dem Jahr 1976. Darin hatte ein Staatsanwalt festgehalten, dass vermutlich weitere Objekte gestohlen worden seien, die bei den damaligen Untersuchungen noch nicht erfasst werden konnten. Zusammen mit archäologischen Erkenntnissen half dieser Hinweis, den Weg des Porträts nachzuverfolgen und den Rückgabeanspruch zu belegen.
Unter den insgesamt 100 Objekten befinden sich auch Theatermasken und kleine Göttinnenfiguren.
Ausstellung bringt verstreute Boubon-Statuen wieder zusammen

Im Mittelpunkt der Ausstellung „Keine Flucht: Boubon“ stehen Bronzestatuen aus der antiken Stadt Boubon nahe dem Dorf İbecik im Landkreis Gölhisar in der Provinz Burdur. Die Figuren stammen aus dem Sebasteion, einem Bauwerk, in dem römische Kaiser und Mitglieder der Kaiserfamilie geehrt wurden.
In den 1960er-Jahren wurden die Statuen bei illegalen Ausgrabungen zerlegt und außer Landes gebracht. Köpfe, Körper und Gliedmaßen gelangten in unterschiedliche Länder und Sammlungen. Die Ausstellung führt nun zurückgekehrte Teile wieder zusammen. Darunter befinden sich Objekte, die den römischen Kaisern Lucius Verus, Septimius Severus, Caracalla und Marcus Aurelius zugeordnet werden.
Die Suche nach den Boubon-Statuen geht maßgeblich auf die Arbeit der Archäologin Jale İnan zurück. Sie hatte Inschriften, Sockel und im Ausland befindliche Statuen miteinander verglichen und damit die wissenschaftliche Grundlage für die heutigen Untersuchungen geschaffen. Auch der Journalist und Autor Özgen Acar sowie Recherchen der „New York Times“-Journalisten Graham Bowley und Tom Mashberg trugen dazu bei, den Fall öffentlich zu halten.
Dorfbewohner und Laboranalysen lieferten entscheidende Hinweise
Für die Rückführung wurden auch Bewohner des Dorfes İbecik erneut befragt. Ihre Erinnerungen daran, wo die Statuen gefunden und auf welchen Wegen sie aus dem Dorf gebracht worden waren, wurden mit historischen Fotografien und Museumsunterlagen abgeglichen.
Weitere Hinweise lieferten Untersuchungen der Verbindungen zwischen den Füßen der Statuen und ihren Sockeln. Beim Standbild des Marcus Aurelius passte die Form der Füße zu den Aussparungen im Sockel. Boden- und Bleiisotopenanalysen stützten die Ergebnisse zusätzlich. An den Untersuchungen war auch der deutsche Archäometrie-Experte Ernst Pernicka vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie beteiligt.
Die Rückführungen haben zugleich neue Impulse für die archäologische Forschung gegeben. Die 2023 wieder aufgenommenen Ausgrabungen in Boubon werden unter Koordination des Archäologischen Museums Burdur von Düzgün Tarkan und seinem Grabungsteam fortgesetzt.
Ersoy würdigt internationale Zusammenarbeit
Minister Ersoy dankte der Staatsanwaltschaft von Manhattan und der US-Behörde HSI für ihre Unterstützung. Besonders hob er die Arbeit von Matthew Bogdanos und dessen Team hervor. Die Zusammenarbeit habe nicht nur zur Rückgabe der Objekte beigetragen, sondern auch die internationale Herangehensweise an den Schutz von Kulturgütern beeinflusst.
Auch das türkische Außenministerium, das Generalkonsulat in New York und Turkish Airlines waren an den Rückführungen beteiligt. Die Fluggesellschaft transportierte die Objekte nach Angaben des Ministers kostenlos und unter sicheren Bedingungen in die Türkei.
Ersoy betonte, dass es nicht allein darum gehe, die Kulturgüter in türkische Museumsvitrinen zurückzubringen. Vielmehr sollten sie wieder im Zusammenhang mit ihrer Geschichte und ihrem ursprünglichen kulturellen Umfeld betrachtet werden. Die Türkei werde die Suche nach illegal außer Landes gebrachten Kulturgütern fortsetzen und sich dabei auf wissenschaftliche, juristische und diplomatische Wege stützen.