dpa

Zum fünften Todestag von Anja Niedringhaus

4.4.2019 14:07 Uhr, von Simge Selvi

Menschen im Krieg - das war es, was Anja Niedringhaus (1965 - 2014) mit dem Blick durch den Fotoapparat sichtbar machte. Auf eine Art und Weise, wie es kaum einer vermag. Sarajevo, Gazastreifen, Afghanistan, Irak: Das sind nur ein paar wenige Orte, die die Fotojournalisten besuchte. Immer wieder wurde sie in den Gefechten verletzt, immer wieder ging sie dorthin zurück. Denn mit der Sprache ihrer Bilder wollte sie etwas bewegen, eine Veränderung erreichen - auch wenn es sie letztlich ihr Leben kostete. Eine Erinnerung zum fünften Todestag einer preisgekrönten Kriegsfotografin, deren Arbeiten heute noch ohnegleichen sind.

Ein US-Marinesoldat, mit dem Rücken zur Kamera, mit einer G.I. Joe-Figur als Glücksbringer. Eine kleines Mädchen, dass inmitten des Schnees in Sarajevo liegt - tot. Ein Junge, der mit einer täuschend echten Waffe in der Hand Karussell fährt - und auf jemanden zielt, den die Kamera nicht im Blick hat. Das sind nur wenige der eindrucksvollen Bilder von Anja Niedringhaus, die sich in das Gedächtnis zahlreicher Menschen eingebrannt haben.

Das Ziel der Fotojournalistin: Nicht nur den Krieg zu zeigen, sondern die Menschen, die dort leben. Was macht der Krieg mit ihnen? Was können wir hier, in weiter Ferne von Afghanistan, dem Irak und all den anderen Kriegsgebieten, tun, damit sich das verändert? Solche Fragen sind es, die die Bilder von Niedringhaus hervorrufen. Doch zuvor muss der Betrachter eine andere Ebene überwinden - nämlich die der Wucht an Emotionen, die Gänsehaut, die die Bilder auslösen. Und dann, ja dann erst können solche Bilder auch etwas bewegen.

Amerikanische Marineinfanteristen in Bagdad, Irak (Foto: AnjaNiedringhaus/Kunstpalast Düsseldorf/dpa)

Für Anja Niedringhaus, die aus dem westfälischen Höxter stammte, war schon früh klar, dass die Fotografie ihre Leidenschaft sein wird. Alles begann mit Fotografien für ihre Schülerzeitung. Das setzte sich später bei Lokalzeitungen fort. Und auch während ihres Studiums der Germanistik, Philosophie und Publizistin zieht sich diese Linie weiter fort. Die Fotografie lässt sie nicht los. Ihre Bilder vom Berliner Mauerfall verschaffen ihr schließlich den internationalen Durchbruch: 1990 ist sie die erste Frau, die eine Festanstellung bei der European Pressphoto Agency (EPA) erhält. Denn auch heute noch gilt Kriegsfotografie als eine Männerdomäne.

"Ich erlebe Wesenszüge, die bei uns fast nicht mehr existieren"

"Wir haben eine Aufgabe als Journalist, wir haben eine gesellschaftliche Pflicht", sagte Niedringhaus einmal. Das war es auch, was sie immer weiter vorantrieb. Ungeachtet der Verletzungen, die sie als Kriegsfotografin immer wieder davon trug. Bei ihren Arbeiten während des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien etwa, als sie nur dank einer kugelsicheren Weste überlebte. Für diesen ihren unerbittlichen Mut erhielt sie 2005 den "Courage in Journalism Award" von der International Women's Media Foundation.

Auch wenn die erste Pulitzerpreisträgerin bei ihrer Arbeit tagtäglich mit Kämpfen, blutigen Schlachten, Trauer, Angst, Explosionen konfrontiert war, erlebte sie dennoch Dinge, von denen sie nur schwärmte. "Ich erlebe Wesenszüge, die bei uns fast nicht mehr existieren - Dinge zu teilen etwa oder grenzenlose Offenheit", sagte sie einmal in einem Interview. "Wie oft habe ich schon bei fremden Familien geschlafen - die kennen mich doch gar nicht."

US-Patrouille in Falludscha, Irak. Ausstellung "Anja Niedringhaus - Bilderkriegerin" im Käthe-Kollwitz-Museum (Foto: imago/epd)

Zu Hause in Deutschland hatte Niedringhaus ein Leben, in das sie sich zurückziehen und zur Ruhe kommen konnte. Etwa auf dem Bauernhof, auf dem sie bei der Familie ihrer Schwester lebte. Aber auch in der Sportfotografie, etwa bei Olympia, fand sie einen Ausgleich, den sie ebenfalls mit größter Begeisterung auslebte. Sie war bekannt für ihr lautes Lachen, mit dem sie jeden anstecken konnte.

Afghanistan, 4. April 2014

Dann, in einem Moment, in dem sich Anja Niedringhaus in Sicherheit wägte, passierte das, was die ganze Welt erschütterte. Es war der 4. April 2014, als sie und ihre Kollegin Kathy Gannon in Afghanistan bei einem Stützpunkt der Sicherheitskräfte Polizisten fotografierten. Sie setzten sich ins Auto und wollten losfahren. Ein Polizisten kam plötzlich auf das Auto zu, richtete eine Waffe, eine AK-47, gegen die beiden Frauen - und feuert das ganze Magazin seiner Kalaschnikow leer. Gannon überlebte, doch Anja Niedringhaus war auf der Stelle tot.

Anja Niedringhaus' Kamera, die sie beim tödlichen Attentat bei sich trug. Ausstellung "Anja Niedringhaus - Bilderkriegerin" im Käthe-Kollwitz-Museum (Foto: imago/epd)

Die Kölner Ausstellung "Anja Niedringhaus - Bilderkriegerin" vom 29. März bis zum 30. Juni zeigt nicht nur die herausragenden Arbeiten der Fotografien, sondern auch Gegenstände Anja Niedringhauses. Etwa ihre mit Einschusslöchern übersäte Kamera vom dem Rücksitz des Autos, in dem sie zuletzt saß, kurz, bevor sie getötet wurde.

Die Kriegsfotografin hat ihr Leben verloren, weil sie sich aufgeopfert hat. Aufgeopfert für ihre Arbeit, für eine bessere Welt und für die Menschen, die sich tagtäglich im Krieg befinden. Selbst wenn sie das Attentat auf sich und ihre Kollegin überlebt hätte, wäre Niedringhaus mit großer Wahrscheinlichkeit wieder nach Afghanistan zurückkehrt. Denn der Mut und die Willensstärke von Anja Niedringhaus ließe sich von nichts untergraben.