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Zum 90. Geburtstag von Milan Kundera

1.4.2019 12:23 Uhr, von Simge Selvi

Am 1. April 1929 in Brünn (Brno) geboren, hat Milan Kundera einen langen Weg hinter sich. Die Turbulenzen seines Heimatlandes, der damaligen kommunistischen Tschechoslowakei, prägen seine Werke. Der Schriftsteller, der zunächst mit Gedichten und Theaterstücken begann, hat jedoch spätestens mit der Veröffentlichung seines Romans "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (1984) einen Meilenstein in der Literaturgeschichte gesetzt. Heute wird Milan Kundera 90 Jahre alt. Ein Rückblick auf ein Leben, das selbst ein Roman hätte sein können.

Milan Kundera gibt schon seit Jahren keine Interviews mehr. Er spreche nicht gern über sich selbst - so, wie es sich für einen Romancier gehört. Der gebürtige Tscheche, der bereits seit 1979 mit seiner Frau Vera in Paris lebt, lässt lieber seine Bücher für ihn sprechen. Er lebt zurückgezogen und gibt nicht viel Privates preis. Wie er wohl seinen 90. Geburtstag feiern wird? Wenn es nach einer Figur aus Kunderas letztem Roman "Das Fest der Bedeutungslosigkeit" geht, könnte man meinen, dass man dem Alter jedenfalls keine allzu große Aufmerksamkeit schenken sollte.

"Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins"

1984 erschien Kunderas Roman, der ihm den Durchbruch verschaffen sollte. Die Dreiecksbeziehung zwischen den Protagonisten Tomas, Teresa und Sabina, die sich vor dem Hintergrund des Prager Frühlings zunehmend verstrickt, und die philosophische Betrachtungsweise des Autors machen den Roman zu einem unvergleichlichen Klassiker. Dennoch kam der endgültige Durchbruch für Kundera erst mit der Verfilmung des Romans. Mit Schauspielern wie Juliette Binoche, Daniel Day-Lewis und Lena Olin brachte Regisseur Philip Kaufman den Roman 1987 auf die Leinwand - ein voller Erfolg.

Auch wenn Kundera nicht viel von sich preis zu geben scheint: Liest man seinen Roman, erkennt man die Parallelen zu seinem eigenen Leben. So auch bei "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Die eigenen Erfahrungen des Autors während der Reformbewegungen und der brutalen Niederlage der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei unter Alexander Dubcek im Frühjahr 1968 zeichnen sich deutlich im Roman ab. Sei es Liebe und Sexualität, die Loyalität zum Heimatland, eine spektakuläre Flucht und das Leben im Exil - kaum einer mag so authentisch und realistisch über solche Dinge zu schreiben, wenn er sie nicht selbst erlebt hat.

Der Bruch mit der Heimat

Auch wenn Kundera dem kommunistischen Gedanken nahestehen mag, so blieb er stets kritisch. Das führte letztlich auch dazu, dass er ab 1970 aus der damals herrschenden Kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde. Die Folgen: Keine Veröffentlichungen mehr in seinem Heimatland - einer der Gründe, weshalb sein verfilmter Erfolgsroman erst 2006, 22 Jahre nach der Veröffentlichung, in Tschechien erschien.

Gemeinsam mit seiner Frau Vera verließ er 1975 Prag und fliehte aus dem bitterlich zerworfenen Tschechien nach Frankreich, dankbar um die Dozentenstelle an der Universität Rennes. Seit vier Jahrzehnten lebt der französisch-tschechische Weltbürger bereits in Frankreich - und hat fast genauso lange schon die französische Staatsbürgerschaft. Die Beziehung zu seiner Heimat ist seitdem, wie sollte es auch angesichts der Ereignisse anders sein, angespannt. Nicht verwunderlich also, dass Kundera seine Bücher nur noch auf Französisch veröffentlicht. Viele seine Werke wurden nicht einmal ins Tschechische übersetzt.

Kundera, der "Verräter"?

Nicht nur mit seinem zuletzt veröffentlichten Roman "Das Fest der Bedeutungslosigkeit" von 2015 machte Kundera Schlagzeilen. 2008 musste er sich den Vorwürfen eines Historikers stellen, er habe 1950 einen antikommunistischen Aktivisten an die tschechoslowakische Geheimpolizei verraten, wodurch der Angeklagte 14 Jahre lang als Zwangsarbeiter verbrachte. Kundera selbst wies die Anschuldigungen ausdrücklich zurück.

Nach all der Zerrissenheit mit seinem Heimatland schien es fast wie ein Versöhnungsversuch, als der tschechische Ministerpräsident Andrej Babis ihm vergangenes Jahr die Staatsbürgerschaft anbot, die ihm im Exil aberkannt wurde. Kundera selbst hat sich bis dato nicht dazu geäußert - zumindest nicht öffentlich. Dennoch ist Babis begeistert vom Autor und drückt das auch heute, an Kunderas Geburtstag, aus.

Zwar mag Milan Kundera laustarke Kritiker haben. Solche, die seine Werke beispielsweise als "antiromantisch" tadeln und solche, die sie als "humorvoll" in die Höhe loben. Auch seine Persönlichkeit wird kontrovers aufgenommen - nicht nur in Tschechien, sondern auch in seiner Wahlheimat Frankreich. Doch dem Erfolg des Autors, den man gelegentlich beim Spaziergang mit seiner Frau Vera in Paris sieht, scheint das keinen Abbruch zu tun.

Ob Kundera wohl Angst vor der ihm noch verbliebenen Zeit haben mag? Es scheint, als hätte sich der Autor diese Frage in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" bereits längst beantwortet: "Die Quelle der Angst liegt in der Zukunft, und wer von der Zukunft befreit ist, hat nichts zu befürchten."