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Wie viele Migranten braucht Deutschland wirklich?

12.2.2019 15:19 Uhr, von Andreas Neubrand

Dass Deutschland ein demographisches Problem hat, ist bekannt. Damit ist Deutschland nicht allein. Es ist vielmehr ein Problem, welches viele Industrienationen teilen - man höre dazu vielleicht einmal die Japaner.

Im Wesentlichen hat das drei Gründe: Die Bedeutung des Nachwuchses für die Sicherung des Lebensabends tendiert gegen Null. Zweitens, die Kosten für die Erziehung von Kindern steigen dafür drastisch. And last but not least, die Opportunitätskosten steigen. Dies liegt daran, dass heute die meisten Frauen einen Beruf erlernt haben und meist diesen auch ausüben wollen. Das wiederum bedeutet in der Folge, dass in einer Zeit, in der die Frau die Kinder betreut, die Frau nicht arbeiten kann. Mit anderen Worten: Sie verdient in der Zeit nichts.

Die Gesellschaft wird immer älter und lebt immer länger. Parallel dazu kommen weniger Kinder nach. Kurz gesagt, es tut sich eine Lücke auf, die gerade in der Rente sichtbar wird: Immer weniger Beitragszahler füttern immer mehr und immer länger ein Heer aus Rentnern und Pensionären durch. Die Lösung lautet: Zuwanderung. Die Bertelsmann-Stiftung schätzt, dass bis 2060 jedes Jahr bis zu 260.000 Migranten gebraucht werden, um die so entstandene Lücke zu schließen. Klingt auf dem Papier logisch, aber stimmt das?

Ingenieur sticht Bauer

Ja und Nein. Kein Industrieland der Welt kann auf Globalisierung und Arbeitsmigration verzichten. Selbst in einer homogenen Gesellschaft wird mehr Zuwanderung diskutiert. Die Frage ist nur: Wen lässt man ins Land und wen nicht? Das Problem, welches Länder mit einem ausgebauten Sozialstaat – und damit einer höheren Steuerlast – haben, ist, dass sie nicht die Gruppen primär anziehen, die sie für den Arbeitsmarkt benötigen, sondern eher die Personen anziehen, die sie erwiesenermaßen nicht brauchen.

Dies fängt schon damit an, dass man selten zwischen Arbeitsmigranten – und die meisten kommen wegen der Arbeit und eher selten wegen des guten Wetters nach Deutschland – und Wirtschaftsflüchtlingen unterscheidet. Flüchtlingen Schutz zu gewähren ist ein Akt der Humanität. Arbeitsmigration ist ein Business. Bei der Schutzgewährung geht es darum Menschen das Leben zu retten und bei der Arbeitsmigration um knallharte Vorteile für beide Seiten. Und wenn es um Arbeit geht, dann braucht der heimische Arbeitsmarkt mehr Ingenieure und Informatiker und weniger Bauern.

Eine weitere wichtige Frage betrifft die Zukunft der Arbeit. Studien wie die von Bertelsmann haben meist einen gravierenden Nachteil. Sie sehen den Weg in die Zukunft in einem linearen Prozess. Doch wir stehen am Beginn einer neuen technischen Revolution: 5G, das Internet 4.0 (oder Internet der Dinge), Kryptowährungen, autonomes Fahren etc. Die Industriegesellschaften stehen vor einem enormen Umbruch und dafür gibt es mehrere Szenarien: Möglich ist, dass ein Großteil der Jobs für die Mittelschicht wegbricht, weil die Buchhaltung künftig auf Algorithmen basieren wird oder ein Lager über das Internet 4.0 "selbst" entscheidet, was wann, wie und bei wem bestellt werden muss. Und das ist erst der Anfang.

Front gegen Uber und Airbnb

Taxifahrer überall auf der Welt protestieren heute schon gegen Uber, Hotels laufen Sturm gegen Airbnb. Und selbst Berufe in der Pflege stehen dank Pflegeroboter eines Tages zur Disposition. Studien prophezeien, dass Millionen von Jobs im unteren und mittleren Segment wegbrechen werden, wenn die technologischen Optionen konsequent Umsetzung erfahren. Kein Wunder also, dass das Grundeinkommen für alle gerade wieder heftig diskutiert wird. Auch wenn es in absehbarer Zeit nicht eingeführt wird - man befrage einfach einmal die Finnen dazu.

Ja, wir werden auch in Zukunft Migranten brauchen. Doch die in der in der Studie genannte Zahl stimmt nur, wenn man von einem linearen Prozess ausgeht. Die Frage, die bleibt, lautet: Wie viele und wen und woher und für welche Jobs?

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