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Wie abhängig sind die USA von chinesischem Geld?

14.5.2019 6:33 Uhr, von Andreas Neubrand

Mit zwei Tweets hat Donald Trump den Handelskonflikt mit China verschärft. Sollte der Streit eskalieren, gehen nicht wenige Beobachter auf beiden Seiten des Pazifiks davon aus, dass China mit seinen milliardenschweren Schuldscheinen der USA am längeren Hebel sitzen. Doch, stimmt das?

Um die Waffen in einem potenziellen Wirtschaftskrieg ranken sich viele Mythen. Eine davon ist, dass dieser Krieg schon so gut wie gewonnen ist, da China Milliarden an amerikanischen Schatzbriefen besitzt und somit die USA de facto gekauft haben. Schon 2008 sah der Berater der National Intelligence, James Rickards, dass eigentlich die großen Geldgeber wie China bei Themen wie den amerikanischen Zinssatz oder den Wechselkursen mitzureden hätten. Und Gao Xiqing, Vorsitzender der China Investment Corporation warnte die USA, dass sie nicht vergessen dürfen, dass ihre Wirtschaft auf Unterstützung ihrer Währung aufgebaut sei. „Ich will nicht sagen Kotau, sondern nur darauf hinweisen, dass man nett zu den Ländern sein soll, die einem Geld leihen.“

Zunächst einmal muss man festhalten, dass der Kauf von Staatsanleihen oder das halten ausländischer Währung durch einen anderen Staat nichts Ungewöhnliches ist. Zum einen kann die Zentralbank so ihre eigenen Wechselkurse stützen und zum anderen kann man so leichter im Ausland Güter und Dienstleistungen kaufen. Im Falle der USA kommt hinzu, dass das Land als sicherer Hafen für internationale Anleger gilt. Vor allem China profitiert davon, da sie so einen Platz für ihr enormen Handelsüberschuss haben.

19,89 Billionen Dollar Schulden

Viele glauben, dass China der größte Schuldner der USA ist. Aber dies ist ein Mythos. Die meisten Schulden haben die USA im eigenen Land. Amerikas gesamter Schuldenberg liegt bei 19,89 Billionen Dollar. Davon hält die Regierung selbst $ 5,47 Billionen, 27,5%, also fast ein Drittel. 8,27 Billionen Dollar liegen bei amerikanischen Privatanlegern, wie Pensionsfonds oder Versicherungen. Nur 6,15 Billionen Dollar werden von ausländischen Staaten gehalten. Davon liegen lediglich 1,844 Billionen in den Händen Pekings. Wobei man natürlich zugeben muss, dass 1,844 Billionen Dollar immer noch eine Menge Geld ist.

Um diese Summe als Waffe einzusetzen hat China zwei Möglichkeiten. Die erste ist auf einen Schlag alle Verbindlichkeiten auf einmal zu veräußern. Die Zweite ist es den Kauf von weiteren Verbindlichkeiten einzustellen. Bei einem Ausverkauf muss China auf dem Überraschungsmoment setzen, damit der Markt nicht vorab reagieren kann. Die Folge für die USA wäre, dass sie für ihre Anleihen einen höheren Zinssatz zahlen müssten. Ebenfalls kurzfristig teuer käme die USA die Vergeltung. Und diese muss kommen, wenn China einen „Finanzkrieg“ ausruft. Die logische Folge wäre ein komplettes Handelsembargo gegen China zu verhängen. Obwohl die amerikanische Wirtschaft sehr breit gefächert ist und als sehr innovativ gilt würde dies von einer Rezension begleitet werden. Der Grund ist einfach: amerikanische Konsumenten profitieren von günstigen Produkten „Made in China“. Wenn diese nicht mehr den amerikanischen Markt erreichen müssten amerikanische Firmen entweder auf andere Länder ausweichen oder in den USA selbst produzieren. Wie immer sich auch Appel und Co entscheiden, es müssen neue Fabriken gebaut und neue Versorgungswege gefunden werden. Beides kostet Zeit und Geld und würde kurzfristig die Wirtschaft in den USA schwächen.

Optionen Chinas

Doch die Kosten für China wären um ein Vielfaches höher. Beginnen wir mit dem plötzlichen Verkauf aller amerikanischen Verbindlichkeiten. Sollte China wirklich Staatsanleihen im Wert von 1,844 Billionen auf den Markt werfen können sie nicht damit rechnen all diese Verbindlichkeiten auch verkaufen zu können – und wenn, dann nur mit Abstrichen. Aber gut, China hat – mit einigen kleineren Verlusten – all seine amerikanischen Anleihen verkauft und sitzt nun auf einem großen Berg an Dollar. Die große Frage ist: was tun damit? Abgesehen davon, dass die Investition in einen anderen Markt die Chinesen hunderte von Millionen Dollar an Wechselgebühren kosten würde ist kein Markt groß genug, um diese Summe zu absorbieren. Die einzige Währung in die China neben dem Dollar investieren könnte wäre der Euro. Doch Europa hat nur eine gemeinsame Währung und keinen gemeinsamen Markt und keiner davon wäre groß genug für diese hohen Summen. Genauso wäre es mit anderen Märkten wie die Großbritanniens und Japan.

Ein weiterer Aspekt wäre eine damit verbundene Aufwertung des Renimbi, etwas was China mit allen Mitteln verhindern muss sollten chinesische Produkte auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig bleiben.

Amerikanische Vergeltung

Und dies wäre nur die finanzielle Seite. Die wirtschaftliche wäre noch schlimmer für das Land der Mitte. Das chinesische Wirtschaftsmodell ist komplett auf Exporte ausgerichtet und die USA sind der größte Markt für chinesische Güter. Fallen die USA als Abnehmer aus rutscht China in eine Wirtschaftskrise.

Chinas Binnenmarkt ist viel zu klein, um alle die Güter zu absorbieren. Dies mag viele erstaunen, wenn man an den Reichtum in den Küstenregionen denkt. Doch dies ist eben nur die Küste. Der durchschnittliche Lohn eines Fabrikarbeiters liegt bei 8.500 Euro im Jahr, so die Analysten von „Trading Economics“. Doch dieser Durchschnittslohn schließt auch die Küste mit ein. Der größte Teil der Chinesen lebt im Hinterland und von kaum mehr als zwei Dollar am Tag, nicht die Summe, mit der man groß shoppen gehen kann. Die meisten Chinesen schlicht sind zu arm, um sich chinesische Produkte leisten zu können.

Chinesische Firmen müssten ihre Fabriken schließen und Millionen Arbeiter entlassen. Ein Albtraum für die kommunistische Führung in Peking. Millionen neue Arbeitslosen würden in kürzester Zeit Massenproteste in China bedeuten. Über kurz oder lang wäre die Legitimation der chinesischen Führung in Gefahr und die Macht der Partei würde Zusammenfallen wie ein Kartenhaus. Kurz gesagt: Wenn die USA niesen hat China einen Schnupfen.

Der andere große Absatzmarkt für chinesische Güter ist die Europäische Union. Doch zum einen bezieht sie schon chinesische Produkte in allen Ausprägungen, mit wenig Luft nach oben und zum Zweiten hat sich die EU noch immer nicht von der Wirtschaftskrise 2008 erholt. Was die EU aus China braucht bezieht man also schon aus dem Reich der Mitte und für mehr haben die Volkswirtschaften der EU momentan kein Geld.

Auch die restlichen BRICS-Staaten kämpfen mit eigenen wirtschaftlichen Problemen und könnten die USA nicht als Absatzmarkt ersetzen.

Ja, Peking hat eine finanzielle Waffe, aber eine stumpfe. Chinas finanzielle Waffe ist weniger eine Atombombe als ein Messer ohne Klinge dem der Griff fehlt. Peking kann die amerikanische Wirtschaft für kurze Zeit in eine Rezession schicken. Amerikanische Konsumenten schätzen die billigen, chinesischen Güter. Doch diese Güter können auch in anderen Ländern (oder unter Trump in den USA) hergestellt werden. Doch der Schaden für China wäre um ein Vielfaches Größer. Chinas Blatt ist deutlich schwächer als das der USA, aber niemand kann sagen sie spielen es schlecht.