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Weihnachten, Geopolitik und das Konzept von "Soft Power"

24.12.2020 16:10 Uhr, von Andreas Neubrand

Frohe Weihnachten! Merry Christmas! Mutlu Noeller! Joyeux Noël! Es wird kaum ein Land auf dieser Welt geben, in dem diese Wünsche nicht an Verwandte, Freunde oder Arbeitskollegen gerichtet werden. Weihnachten ist zum größten internationalen Feiertag geworden und wird – auf die eine oder andere Art – zelebriert.

Doch warum ist die Geburt Jesu zu einem globalen Event geworden, selbst in Ländern, in denen es kaum Christen gibt? Eine Spurensuche.

Der Geist der vergangenen Weihnacht

"Und es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde." Einige Leser werden diese berühmten Worte aus dem Lukas-Evangelium kennen. Vorausgesetzt, dass Lukas sich nicht geirrt hat, haben findige Mönche mit diesen Daten das Geburtsjahr von Jesu Christus errechnet. Doch über den Monat schweigen sich alle Chronisten aus, es muss also nicht zwingend der Dezember gewesen sein.

Dabei sah es anfangs alles andere als gut aus, für die neue Religion im polytheistischen Römischen Reich. Unter Kaiser Nero setzte eine – für damalige Verhältnisse – beispiellose Welle der Verfolgung der christlichen Minderheit ein. Eine Verfolgung, die über zwei Jahrhunderte hin andauern sollte (allerdings mit wechselnder Intensität). All dies änderte sich am 28. Oktober 312 nach der Schlacht an der Milvischen Brücke. Dort besiegte Kaiser Konstantin seinen Rivalen Maximilian I. und vereinte das weströmische Reich. Der Legende nach soll Gott ihm zu diesem Sieg verholfen haben, weshalb er wenig später zum Christentum konvertierte.

St. Nikolaus aus der Türkei

Zu dieser Zeit lebte der Heilige St. Nikolaus als Mönch in Bethlehem, kehrte aber kurze Zeit später als Bischof in seine türkische Heimatstadt Myra in der heutigen Provinz Antalya zurück. Hunderte Jahre später sollte auch er seinen Beitrag zur Verbreitung des Weihnachtsfestes leisten. In den Jahren 300 bis 400 n. Chr. fasste das Christentum in Großbritannien Fuß. Viele der neu Konvertierten sahen im St. Nikolaus und seinem Fest im Dezember in Kombination mit seiner Großzügigkeit Anknüpfungspunkte an die Feste ihrer heidnischen Vorfahren. Doch blieb das Weihnachtsfest zu dieser Zeit noch ein unbedeutendes Fest unter vielen.

Dies begann sich erst im Jahr 800 zu ändern, als Papst Leo III. Karl den Großen zum ersten Heiligen römischen Kaiser in der St. Peters Basilika in Rom krönte. Er half der römisch-katholischen Kirche dabei, ihre weltliche Macht auszudehnen und zu sichern. Mit der Einführung des gregorianischen Kalenders einige Jahrhunderte später wurde auch das Weihnachtsfest immer beliebter. Vor allem in England, wo sich die zwölf Tage der Weihnacht etablierten.

Revival im 19. Jahrhundert

Doch auch das Weihnachtsfest musste mit Rückschlägen kämpfen: 1640 bekämpften englische Puritaner alle katholischen Einflüsse auf der Insel. Und das Weihnachtsfest befand sich ganz oben auf ihrer Liste. Getreu dem Motto: Puritaner aller Länder, vereinigt euch, wurde das Weihnachtsfest auch in der neuen Welt bekämpft.

Weihnachten war angeschlagen, aber nicht besiegt. Denn mitten im 19. Jahrhundert machten sich überall neue Traditionen breit. In Deutschland und Skandinavien kombinierte man heidnische Ideen - wie das Schmücken von Bäumen und Rentiere - mit christlichen Festen. In den Niederlanden entdeckte man den Heiligen St. Nikolaus und nannte ihn Sinterklaas. Im englischsprachigen Raum sorgten 1820 fünf Erzählungen rund um Weihnachten von Washington Irving für ein steigendes Interesse an dem Fest. Washington Irving war zu Lebzeiten der bekannteste Schriftsteller der USA und der erste Autor, der vom Erlös seiner Bücher leben konnte. 23 Jahre später setzte Charles Dickens mit seinem "Weihnachtslied" dem Fest das ultimative literarische Denkmal.

Geist der gegenwärtigen Weihnacht

Wir haben gesehen, wie sich das Fest über die Jahrhunderte hinweg entwickelt und etabliert hat. Doch wie hat es das Fest geschafft, seinen Zauber auch in Länder zu verbreiten, die kaum Berührungspunkte mit dem Christentum hat?

Die Antwort liegt auch hier in Großbritannien. Fest steht und bewiesen ist, dass das Weihnachtsfest, so wie wir es kennen, eng mit Großbritannien verknüpft ist. Doch Großbritannien ist in jener Zeit auch noch für etwas anderes bekannt gewesen: Die industrielle Revolution und das britische Weltreich. Zu jener Zeit gehörten 458 Millionen Menschen zum britischen Weltreich. Die Krone gebot über 33,67 Millionen Quadratkilometer. Das entspricht einem Viertel der damaligen Weltbevölkerung und Fläche.

Ein Tannenbaum erobert das britische Weltreich

Einfach gesagt, überall dort, wo britische Soldaten die Union Jack wehen ließen, stand bald ein geschmückter Tannenbaum daneben. Dies hatte oft auch einen gewissen Einfluss auf die heimische Bevölkerung, die nicht selten die Bräuche der Engländer übernahmen. Der Sieger schreibt also nicht nur Geschichte, sondern auch die Vorlieben den Besiegten vor. Die industrielle Revolution tat ihr Übriges. Zum einen veränderte sie das vorherrschende Familienbild radikal. Die Menschen zogen in die Städte, um dort zu arbeiten. Die arbeitsintensive und damit familienorientierte Landwirtschaft verlor an Einfluss. Ein Fest, bei dem die ganze Familie zusammenkommt und sich gegenseitig beschenkt, kam da vielen Menschen recht. Hinzu kommt, dass sich im Zuge der industriellen Revolution eine Mittelschicht etablierte. Diese Mittelschicht hatte Geld und konnte es sich leisten, sich gegenseitig zu fixen Daten zu beschenken.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zerbrach das britische Weltreich und wurde von den Vereinigten Staaten von Amerika abgelöst. Weltweit wurden die USA zum Sehnsuchtsort vieler Menschen. Sie wollten McDonalds, Hollywood, Coca-Cola und eben auch: Weihnachten. In den USA verschob sich auch der Kern des Festes. Die christliche Bedeutung ging etwas zurück und machte Platz für ein familienorientiertes Fest. Dazu kam außerdem, dass in den 1940er Jahren Weihnachtsfilme und die passenden Lieder ihren weltweiten Siegeszug antraten und damit das Fest zusätzlich romantisierten sowie sogar ein eigenes musikalisches Genre schufen. Die Kombination aus einem wichtigen Fest in einem Sehnsuchtsort für so viele Menschen weltweit und einem Fest, welches den Fokus auf die Familie und Geschenke legt und auch ohne den religiösen Hintergrund gefeiert werden kann, macht aus Weihnachten ein ideales Fest für Menschen rund um den Globus.

Weihnachten ist "soft power" in Reinformat

Weihnachten ist damit das Paradebeispiel für das Konzept der "soft power" des Politologen J. S. Nye. In seinem Buch "Soft Power: The Means to Success in World Politics" unterscheidet er zwischen hard power (Militär oder Wirtschaft) und soft power (Werte oder Unterhaltung). Diese soft power hilft eigene Normen und Werte in anderen Kulturen zu etablieren und sichert damit die Dominanz des Landes, welches über diese soft power verfügt.

Die USA sind ungeachtet von Politikern wie Donald Trump oder Vorgängen wie in Ferguson für Millionen von Menschen auf dieser Welt ein Traumland. Dies beeinflusst auch das Verhalten gegenüber den USA. Amerikanische Weihnachten sind dabei ein Teil dieses Traums. Inspiriert von hunderten von Filmen, Songs und TV-Shows entfaltet das Fest seine Magie auch in den verwinkelten Gassen Istanbuls, den Arbeitervierteln Kalkuttas oder den Bergdörfern Afghanistans.

Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Nichts ist für die Ewigkeit. Jedes Empire ist vergänglich: Rom, das mongolische Reich, das osmanische Reich, das britische Reich - sie alle verblassten und büßten ihren globalen Einfluss ein. Auch die Vereinigten Staaten werden früher oder später an Bedeutung verlieren. Je nachdem welche Nation folgt, wird dieses Schicksal auch Weihnachten treffen und zusammen mit dem Sehnsuchtsort USA langsam verblassen wie eine ausgeblasene Weihnachtskerze.

Was folgen wird, kann keiner sagen. Vielleicht tritt das muslimische Opferfest seinen Siegeszug um die Welt an, vielleicht das chinesische Neujahr oder ein hinduistischer Feiertag. Doch dies ist Zukunftsmusik. Wir beenden unsere lange Reise mit den letzten Worten aus Charles Dickens "Weihnachtslied": "Und so schließen wir mit Tiny Tims Worten: 'Gott segne jeden von uns'."

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