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Warum ist Russland von der Ukraine so besessen?

4.1.2019 14:38 Uhr, von Andreas Neubrand

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist das wichtigste außenpolitische Thema der Russen, wie sich die Führung in Kiew verhält. Welche Richtung schlägt sie ein und wie kann der Kreml dies zu seinen Gunsten nutzen? Doch warum ist Russland von der Ukraine regelrecht besessen? Hier die Antwort.

Am 22. Dezember endete das Kriegsrecht, welches die Ukraine über weite Teile des eigenen Landes verhängt hatte (und der Regierung sowie dem Militär einige Sonderrechte einräumte). Dieses Recht wurde nicht verlängert. Also deutet alles auf Entspannung zwischen Russland und der Ukraine hin? Leider nicht. Den Experten der Denkfabrik „Institut for the Study of War“ zufolge bereitet sich Russland auf einen militärischen Konflikt vor.

Am 19. Dezember sollen mehrere Militärkonvois an die Grenze zu Oblast verlegt worden sein. Darunter bewaffnete Einsatztruppen, Schützenpanzer und Lkw mit Feldküchen. Zwei Tage später sollen russische U-Boote Aufklärungsmissionen gefahren haben. Am selben Tag soll zudem eine mit Raketen bestückte Fregatte auf dem Weg in das Asowsche Meer gewesen sein. Außerdem wurde kolportiert, dass Moskau mehr als ein Dutzend Su-27 und Su-30 Kampfjets auf den auf der Krim gelegenen Luftwaffenstützpunkt Belbek verlegt habe. Parallel dazu wird von Bestrebungen berichtet, die Propagandaschlacht auszuweiten, um Kiew bei einem Konflikt den Schwarzen Peter zuzuschieben.

Folgt man dem ISW Russia Team, dann ist das künftige Ziel die Stadt Cherson nahe des Flusses Dnepr. Dort liegt der Kanal, der bis vor der Invasion die Krim mit Trinkwasser versorgt hat. Kein Wunder also, dass Putin an dieser Stadt interessiert ist. Netter Nebeneffekt für den Kreml: Er kann den Hafen von Mykolajiw blockieren, einen der wichtigsten Häfen der Ukraine und Heimat vieler wichtiger Werften.

Doch die Kosten für Russland wären enorm. Neue und härte Sanktionen und das Ende von North Stream 2 wären die mögliche Folge. Auch ein Krieg mit der Nato wäre dann nicht mehr auszuschließen. Warum also würde Moskau ein solches Risiko auf sich nehmen?

Russlands geographischer Fluch

Die Antwort hat ihre Wurzeln in der russischen Geographie: Russland ist das (buchstäblich) größte Land der Erde. Russland hat eine Landgrenze von über 22.000 km. Russland kann eine solche Grenze nicht flächendeckend sichern. Bei einem Großteil des Landes ist dies auch nicht notwendig, da der Löwenanteil zwischen dem 50. und 70. Breitengrad liegt – eine Region, die von den meisten Pflanzen und Tieren - und demzufolge auch Menschen - so gut es geht gemieden wird.

Einzige Ausnahme ist der europäische Teil des Landes. Dort befinden sich die Kornkammern Russlands und seine wichtigsten Metropolen - inklusive der Hauptstadt. Das Problem dabei ist, dass dieser Teil der Ausläufer der Nordeuropäischen Tiefebene ist und über keinerlei natürliche Grenzen verfügt. Keine Berge, keine Sümpfe und keine Flüsse trennen Russland von seinen westlichen Nachbarn. Eine offene Flanke, die von Napoleon über Hitler alle zu nutzen wussten, die Appetit auf Russland hatten.

Für Russland bedeutet dies, dass es so weit wie möglich nach Westen vordringen muss, um potentielle Angreifer zu stoppen, bevor sie das eigentliche Herz Russlands erreichen konnten. Die sicherste Zeit für Russland war demzufolge die Sowjetzeit von 1945 bis 1989. Nicht nur waren alle Pufferstaaten unter der Kontrolle des Kremls, nein, der Einfluss reichte sogar bis nach Ostberlin. Kein Wunder also, dass Putin den Zusammenbruch der Sowjetunion als die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnet hat. Zu Zeiten der UdSSR standen die Truppen der Nato 1.600 km von St. Petersburg entfernt, heute sind es 320 km.

Angst vor einer europäischen Armee

Russland muss also seine Nachbarn zumindest kontrollieren, um sich sicher zu fühlen. Im Falle von Weißrussland ist das Ziel erreicht, im Falle der Ukraine nur im Ansatz. Nun kann man sich die Frage stellen, wovor sich Russland fürchtet. Die Antwort: Deutschland und Frankreich. Darauf könnte und müsste man eigentlich erwidern, dass die Zeiten, in denen Deutschland willens (oder in der Lage) wäre in Russland einzumarschieren, lange vorbei sind. Guter Punkt, doch die Strategen in Moskau denken anders. Erstens weiß niemand, wer in fünf oder zehn Jahren im Reichstag sitzt. Zweitens haben sie die Geschichte genau studiert - vor allem die Zeit zwischen den Weltkriegen. Nach dem Versailler Vertrag war Deutschland defacto entmilitarisiert und mit dem Wegfall des Saarlandes ohne Ressourcen für eine Wiederbewaffnung. 22 Jahre später marschierte die Wehrmacht gen Russland. Kurz gesagt, niemand kennt die Zukunft. Zeiten ändern sich und gute Politiker wie auch militärische Strategen planen für die Zukunft - und besonders für schlechte oder unsichere Zeiten.

Dazu kommt, dass innerhalb der Europäischen Union über eine europäische Armee nachgedacht wird. Während man in Brüssel damit eine schnelle Eingreiftruppe versteht, die in Libyen oder Mali kleinere Operationen durchführen soll, sieht man in Moskau eine sprichwörtliche Militärallianz zwischen Napoleon und Hitler. Oder zumindest ihrer Nachfahren.

Doch warum jetzt? Das Problem, welches der Kreml hat ist, dass die Zeit gegen Russland arbeitet. Zum einen leidet die Wirtschaft unter einem niedrigen Öl- und Gaspreis. Russland ist ein Rentierstaat. Das bedeutet, dass er sich im wesentlichen Teilen über den Verkauf von Rohstoffen finanziert und weniger über Steuern. Niedrige Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft bedeuten ein geringeres Budget fürs Militär.

Zweitens sterben dem Militär die Rekruten weg. Russland schafft sich ab – und zwar nicht nur sprichwörtlich, sondern buchstäblich. Russland verliert deutlich mehr Menschen an Herzversagen, Alkohol, HIV und Tuberkulose als reproduziert werden, so die Yale Health Review.

Kontrolle über Kiew ist der Schlüssel

Das dritte Problem ist Migration. Immer mehr Migranten kommen aus dem Kaukasus und Zentralasien, um in Russland Arbeit zu finden. Diese Länder sind größtenteils muslimisch geprägt und treffen auf einen extrem stark ausgebildeten russischen Nationalismus sowie einen ausgeprägt orthodoxen Glauben. Ein Bürgerkrieg zwischen diesen Gruppen ist zwar nicht ausgemacht, aber auch nicht unwahrscheinlich oder gar unmöglich. Und diese muslimische Minderheit wächst schneller - vielleicht durch den Verzicht auf den exzessiven Genuss von Wodka? - und trifft auf eine abnehmende russische Bevölkerung. Und beide Gruppen treffen auf immer weniger Jobs. In Zeiten, in denen die Wirtschaft einen Abschwung erlebt, ist jedes Land ein Pulverfass. Unzufriedenheit über Armut neigt dazu, sich irgendwann heftigst zu entladen.

Kontrolle über Kiew ist der Schlüssel zur russischen Sicherheit. Alles, was Putin außenpolitisch tut - vom Krieg gegen Georgien im Jahr 2008 bis hin zur Unterstützung Assads in Syrien - gilt der Ukraine. Der Georgien-Krieg war eine Erinnerung an die Regierung in Kiew, wer der regionale Hegemon ist und dass auf den Westen kein Verlass ist. Das Engagement in Syrien ist nichts weiter als ein Faustpfand bei Gesprächen über die Zukunft der Ukraine.

Wenn es Putin nicht gelingt, die Ukraine zu domestizieren, ist sein politisches Schicksal besiegelt. Seine Zukunft und die des Landes liegen nicht in Moskau, sondern in Kiew.