epa/Miguel Gutierrez

Venezuela 2019: Endspiel in Caracas

16.1.2019 17:41 Uhr, von Andreas Neubrand

Venezuela ist das ölreichste Land der Welt und zugleich das Armenhaus Lateinamerikas. Wie passt das zusammen? Hier ein Blick hinter die Kulissen. Anlass ist die Vereidigung von Nicólas Maduro als Präsident Venezuelas am 10. Januar 2019.

Es gibt eine Weisheit, an der kein Machthaber in Venezuela vorbeikommt. Wer immer das Land regieren will, muss zwei Institutionen kontrollieren: die Armee und die staatliche Ölfirma Petróleos de Venezuela (PdVSA). Was Hugo Chavez noch recht gut gelang, wird für seinen Nachfolger Nicolas Maduro zunehmend schwerer. Doch beginnen wir mit Chavez.

Putschversuche sind nichts Ungewöhnliches in Lateinamerika - Venezuela macht da keine Ausnahme. Allein 1992 kam es dort gleich zu zwei Putschversuchen, von denen einer bedeutend ist, weil durch ihn ein junger, charismatischer Colonel landesweite Bekanntheit erhielt. Sein Name: Hugo Chavez. Bevor er sich den Sicherheitskräften stellte, forderte er einige Minuten Redezeit im Fernsehen. Mit seiner Ansprache wurde er berühmt und zum Hoffnungsträger von vielen Armen im Land. Danach ging er für zwei Jahre ins Gefängnis.

Politische Stabilität unter Caldera

Für venezolanische Verhältnisse waren die nächsten Jahre stabil. Im Mai 1993 musste der amtierende Präsident, Carlos Andrés Pérez, wegen Korruption sein Amt niederlegen. Ihm folgte der frühere Präsident Rafael Caldera. Unter Caldera stabilisierte sich das Land zwar politisch, aber nicht wirtschaftlich - das Land schlidderte in eine Wirtschaftskrise.

Dank der Wirtschaftskrise siegte Hugo Chavez und seine Partei, der Movimiento Quinta República (MVR), mit 56 Prozent bei den Präsidentschaftswahlen am 6. Dezember 1998. Schnell begann er das Land nach seinem Sinne zu verändern. So gab er dem Land zum Beispiel einen neuen Namen. Fortan hieß Venezuela Bolivarische Republik Venezuela - benannt nach dem berühmten lateinamerikanischen Befreier im 19. Jahrhundert und über den Gabriel García Márquez seinen wundervollen Roman „Der General im Labyrinth“ geschrieben hat. Auch setzte er mehrere soziale Reformen durch und fuhr einen anti-amerikanischen Kurs.

Nun musste er noch die zwei Schlüsselinstitutionen des Landes unter Kontrolle bringen. Im Falle der Armee gelang ihm das mit der Hilfe seines Freundes, dem kubanischen Staatspräsidenten Fidel Castro. Im Gegenzug für großzügige Wirtschaftshilfen (vor allem Öl und Benzin) schickte Castro seine fähigsten Leute auf venezolanische Militärakademien. Einem Artikel der Verfassung zufolge dürfen Ausländer, die eine Militärakademie in Venezuela absolviert haben, in die Armee eintreten. So konnten tausende Kubaner die venezolanische Armee überschwemmen. Diese waren sehr loyal gegenüber Chavez. Ein Putsch des Militärs wurde somit unwahrscheinlich.

Komplexität der venezolanischen Ölindustrie

Schwieriger war es bei PdVSA. Doch um das zu verstehen, muss man die Ölindustrie in Venezuela verstehen. Venezuela hat die größten Ölreserven der Erde. Was jedoch ebenso berücksichtigt werden muss: Es hat mit das schlechteste Öl der Erde. Der Sulfit-Gehalt ist so hoch, dass man das Erdöl schon direkt nach der Förderung mit leichtem Öl versetzen muss, um es überhaupt durch die Pipelines transportieren zu können. Auch danach können nur sehr wenige Raffinerien der Welt etwas mit dem Öl anfangen und ein Großteil davon finden sich in den USA. Erschwert wird die Sache dadurch, dass die meisten Ölfelder nicht in der Nähe der Küste liegen und der Transport dementsprechend aufwendig ist.

Entwicklung des Ölpreises in Venezuela

Dies bedeutet, dass PdVSA die besten Mitarbeiter braucht, die sich auf dem venezolanischen Arbeitsmarkt finden lassen. Nur mit einer perfekt ausgebildeten Arbeiterschaft lassen sich die enormen Probleme, die die Ölförderung mit sich bringt, halbwegs lösen. Doch wo die Probleme für PdVSA aufhörten, fingen sie für Hugo Chavez erst an.

Wie gesagt, bei PdVSA arbeiteten die Besten der Besten der Besten. Doch für gewöhnlich haben diese Leute Ideen und Überzeugungen über ihre Arbeit hinaus. Vor allem politische Ideen kommen solchen Leuten gerne einmal in den Sinn. Dazu kommt, dass viele von ihnen pro-amerikanisch waren. Chavez musste also eine Wahl treffen: wirtschaftliche Prosperität oder politische Stabilität. Und als Politiker entschied er sich, eher wenig verwunderlich, für Option zwei - politische Stabilität. Nach einem gescheiterten Putschversuch im Jahr 2003 setzte Chavez tausende von (oppositionellen) Arbeitern bei PdVSA auf die Straße und ersetzte sie mit loyalen Mitarbeitern. Was gut für Chavez war, erwies sich als schlecht für die Fördermenge von PdVSA. Bis zum Tode Chavez' sank die Fördermenge um rund ein Drittel.

2013: Das Todesjahr von Chavez

Da zu jener Zeit der Ölpreis hoch war, war dies ein Preis, den Hugo Chavez bereit war zu zahlen. Mit dem Geld von PdVSA finanzierte er großzügige Wohlfahrtsprogramme im In- und Ausland. Kein Wunder also, dass er in Venezuela großen Ansehen genoss und bis zu seinem Tod bei regulären (regulär für venezolanische Verhältnisse) Wahlen gewann. Chavez starb am 5. März 2013. Er hinterließ eine Ex-Frau, eine Frau, vier Kinder, zwei Enkelkinder, eine etwas hohe Inflationsrate, die Verstaatlichung von Banken, Medienhäuser und diverser Industrien sowie einen maroden Staatshaushalt und Preiskontrollen.

Damit trat sein Vize-Präsident und Nachfolger Nicolás Maduro ein schweres Erbe an - natürlich nur in Bezug auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Venezuelas, nicht die Familie Chavez. Mit 1,5% Vorsprung gewann Nicolas Maduro die Wahlen am 14. April 2018. Teile der Opposition weigerten und weigern sich noch, das Ergebnis anzuerkennen und tragen weiterhin ihre Proteste auf die Straße. Diverse Oppositionelle wurden und werden immer noch verhaftet, darunter Leopold López.

Man kann Maduro für vieles verantwortlich machen, aber nicht dafür, dass 2014 der Ölpreis einbrach. Grund sind die USA, die vom Importeur zum Exporteur mutierten und den Ölpreis dauerhaft auf Talfahrt schickten. Erschwerend kommt hinzu, dass er, wie Chavez, PdVSA mit loyalen Anhängern besetzt hat. Die Folge ist, dass das Land nur noch ein Fünftel der Ölmenge fördert. Es fehlt schlicht an notwendiger Fachkompetenz der loyalen Arbeitskräfte.

Ende der Party in Caracas

Hinzu kommt, dass Maduro das Militär mit Geld beruhigt. Dutzende von neuen Firmen wurden gegründet, um die Generäle zu beruhigen. Das Militär nimmt also immer mehr Raum in dem ein, was von der venezolanischen Wirtschaft noch übrig ist.

Doch die Party ist vorbei. Der Kuchen wird immer kleiner und die Gästeschar immer größer. Egal, wen man fragt, der Ausblick auf 2019 ist düster. Moody Analytics sieht die Ölfördermenge bei nur noch 500.000 Barrel am Tag. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Wirtschaft erneut schrumpfen wird - dieses Jahr um weitere fünf Prozent. Parallel dazu sind schon 10 Prozent der Bevölkerung aus dem Land geflohen, so die Financial Times. Dies bringt Maduro auch in Konflikt mit anderen Ländern in Lateinamerika. Das sind allen voran Kolumbien und Brasilien, die einen Großteil der Kosten (politisch, finanziell und sozial) tragen müssen.

Maduros Tage sind gezählt. Und kaum einer in- und außerhalb Venezuelas glaubt noch, dass er in den nächsten 350 Tagen noch im Amt sein wird. Für Venezuela würde dies keinen nennenswerten Fortschritt bedeuten. Auf Grund der komplexen Lage der venezolanischen Ölindustrie gehen Experten wie Peter Zeihan davon aus, dass das Land rund eine Dekade brauchen würde, um zur alten Form zurückzukehren. Dies wären fast 4.000 Tage. Fraglich, wer in Venezuela so viel Geduld aufbringt.

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