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Türkisches Start-up entwickelt Geld-Desinfektionsautomaten

21.3.2020 22:31 Uhr, von Chris Ehrhardt - Kommentar

In Zeiten des Coronavirus treibt das Geschäft mit der Angst der Menschen seltsamste Blüten. Blüten, die sich am Ende des Tages vielleicht nicht als Segen, sondern unter Umständen als echte Gefahr herausstellen können. So will ein in Istanbul ansässiges Unternehmen einen Weg geschaffen haben, Geldscheine, die in Geldautomaten zur Auszahlung vorgehalten werden, zu desinfizieren. Es heißt, die Methode würde eine Vielzahl von Mikroorganismen, Viren und Bakterien auf Geldscheinen vernichten. Doch ist das erstrebenswert?

Ein Kommentar mit Faktencheck.

Zu den Fakten: Ein in Istanbul ansässiges Start-up hat nach eigenen Angaben ein Modul entwickelt, welches Geldscheine im Automaten "desinfiziert". "Das von uns entwickelte Modul macht alle Geldautomaten in 15 Minuten hygienisch und umweltfreundlich", sagte Furkan Erucan, Mitbegründer von Money Shower, gegenüber der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur. Mit seiner "Sofortdesinfektionstechnologie " verhindere das Modul laut Erucan, dass Menschen von allen Mikroorganismen, einschließlich des Coronavirus, infiziert werden.

"In Europa zirkulieren derzeit durchschnittlich 26.000 Bakterien von 500 Bakterienstämmen auf Banknoten. Diese Zahlen reichen aus, um Menschen krank zu machen", warnte er. Er sagte auch, dass es keine Bemühungen gibt, Papiergeld zu desinfizieren. "Länder sammeln Papiergeld, verbrennen es in Banknotenzentren und drucken neue Scheine, um sie nur dann in Umlauf zu bringen, wenn schwere epidemische Krankheiten auftreten. Unsere Desinfektionsmethode ist völlig unzureichend.", betonte er. Erucan erklärte, dass das Unternehmen die Idee zuvor entwickelt habe, als es erfuhr, dass ultraviolettes (UVC) Licht Bakterien und Viren eliminiert. Er und die Mitbegründerin des Unternehmens, Kübra Karakoc, versuchten, die UVC-Lichttechnologie zu verbessern und an Geldautomaten zu testen, um Patentrechte zu erhalten und dass der Plan nach Pilotversuchen sei, das Modell bis 2023 in Geldautomaten großer Banken zu integrieren. Soweit die Faktenlage und die Nachricht zur Desinfektion von Geldscheinen.

Kommentar: Macht Geld-Desinfektion Sinn?

Ohne Bakterien, das weiß die Wissenschaft, gibt es kein menschliches Leben. Bakterien sind nachweislich die ersten Lebewesen gewesen, die es überhaupt auf der Erde gegeben hat – auch wenn dem wissenschaftlichen Fakt Klerikale sicherlich energisch widersprechen werden. Bakterien verfügen über eine herausragende Intelligenz – gerade die gefährlichen Typen – wenn es darum geht, das menschliche Immunsystem zu überwinden. Sie teilen sich in Rekordzeit, versuchen Schranken zu überwinden. Natürlich wäre es sinnvoll, diese Bakterienstämme einzuhegen, die mit so brachialer Gewalt versuchen, Lebewesen zu schaden oder sie zu vernichten. Aber würde eine Großdesinfektion nur diese Bakterien treffen? Nein, natürlich nicht. Das ist unmöglich, denn die Wissenschaft schafft es bisher nicht, mehr als fünf Prozent der bestehenden Bakterien näher unter die Lupe zu nehmen. Das heißt, 95 Prozent sind nahezu unerforscht. Wie soll dann bitte UV-Licht zwischen "gut und böse" unterscheiden können?

Warum macht es darum keinerlei Sinn, klinische und bakterienfreie Umfelder zu schaffen? 99,9 Prozent aller Bakterien um uns herum sind unschädlich oder gar wichtig und gut. 99,9 Prozent aller Bakterien sind für uns Menschen vollkommen ungefährlich. Und eine antibakterielle Großbehandlung wurde dazu führen, dass es allergisierend wirkt – heißt: Wir als Menschen werden noch anfälliger als bisher schon für Allergien. Töten wir darüber hinaus unsere Abwasserbakterien, haben wir ein Problem. Denn die biologische Reinigung unserer Abwässer basiert auf Bakterien – guten Bakterien, wichtigen Bakterien.Und kann das Wasser nicht mehr gereinigt werden, gehen langsam aber sicher die Menschen zugrunde.

Unsere Körper benötigen Bakterien und Viren

Um natürliche Resistenzen gegen Krankheiten aufzubauen, benötigen unsere Körper Bakterien, Krankheitserreger und Viren. Nur dann kann der Körper, wenn schädliche Bakterien oder Viren eindringen, selbstreinigend aktiv werden. Der "Fremdkörper", der uns krankmachen will, wird von den körpereigenen Abwehrstoffen und Antikörpern, die sich bei unbemerkt ablaufenden Infektionen ausgebildet haben, attackiert und im besten Fall vernichtet, bevor er Schaden anrichten kann. Schalten wir künstlich die Existenz der Bakterien und Viren aus, deren Wirkung wir vielfach gar nicht kennen, greifen wir nachhaltig in die Natur ein. Damit schaden wir uns möglicherweise weit stärker, als dass wir Nutzen davon haben.

Schauen wir auf die Natur und lernen wir. Bäume schaffen es, 1000 Jahre und älter zu werden. So sie nicht abgeholzt werden. Pflanzen haben es geschafft, Resistenzen gegen Bakterien zu entwickeln. Indem sie die Bakterien vernichtet haben? Nein, indem sie lernten und nicht indem sie Geldscheine sterilisierten. Buchen und Fichten sind antibakteriell aufgestellt. Ein Frühstücksbrett aus Buchen- oder Fichtenholz tötet schädliche Bakterien ab. Auf unseren Kunststoffbrettchen überleben die Keime und das oft mehrere Tage. Töten wir nun all die nützlichen Bakterien und Viren auf Geldscheinen mit den schädlichen Keimen ab, was dann? Wie kommt unser Körper in Kontakt damit, um sich selbst zu immunisieren? So schön sich eine keimfreie Welt liest, so schädlich und destruktiv ist sie für den Menschen. Darüber sollte man mit Bakteriologen sprechen, bevor man vorschnell Desinfektionsmodule entwickelt und der Schuss dabei nach hinten losgehen kann.

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