Hürriyet

Türkischer Botschafter Aydin: Wir sind an dem Punkt angekommen, wo Worte versagen

25.2.2020 13:04 Uhr

Am letzten Mittwoch wurden in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln von einem Täter erschossen, der nach Polizeiangaben aus rassistischen Motiven handelte. Nach der Tat tötete Tobias R. seine Mutter und sich selbst. Zum Trauermarsch am Sonntag und der Trauerzeremonie für drei der jungen Opfer reiste auch der türkische Botschafter Ali Kemal Aydin aus Berlin an, um an der Seite der Angehörigen zu stehen und den Familien, den Freunden wie auch den Bekannten sein Mitgefühl auszusprechen.

Im Zuge seines Aufenthalts in Hessen besuchte Aydin gemeinsam mit dem Frankfurter Generalkonsul Burak Kararti die Redaktionsräume von Hürriyet.de sowie die Druckerei der Hürriyet, in der 25 internationale Zeitungstitel gedruckt werden. Botschafter Aydin fand im Gespräch mit Hürriyet-Geschäftsführer Ahmet Ihsan Karakasli und dem Kolumnisten Yalcin Bayer der türkischen Tageszeitung Hürriyet deutliche Worte zu dem Vorfall in Hanau, zu Rassismus und den möglicherweise nötigen Präventions-Maßnahmen.

V.l.n.r.: Hürriyet-Kolumnist Yalcin Bayer, Hürriyet-Geschäftsführer Ahmet Ihsan Karakasli, Botschafter Ali Kemal Aydin, Frankfurts Generalkonsul Burak Kararti, stellvertrender Hürriyet-Geschäftsführer Abdurrahim Kurtis (Bild: Hürriyet)


"In den letzten 30 Jahren wurden über 200 Menschen in Deutschland von Rassisten oder Neonazis ermordet", sagte Botschafter Aydin. Fünfunddreißig davon seien türkisch oder türkeistämmig gewesen, führt Ali Kemal Aydin weiter aus.

"Nicht vergessen"

"Wir haben die Opfer von Neonazis in Schwandorf (1988 – drei Tote), Mölln (1992 – drei Tote), Solingen (1993, fünf Tote) und Ludwigshafen (2008, neun Tote) nicht vergessen. Zwanzig Menschen verloren durch in Brand gesteckte Häuser ihr Leben. Wir haben auch die zwei Jugendlichen nicht vergessen, die in Hamburg und Berlin von menschenfeindlichen Rassisten umgebracht worden. Wir haben die Menschen nicht vergessen, die durch den NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) ermordet wurden. Oder die Menschen, die im Sommer 2016 im Olympia-Einkaufszentrum in München von einem Angreifer getötet wurden.

Auf der anderen Seite denken wir auch immer noch an die zwei Unschuldigen, die erst im vergangenen Oktober bei einem Angriff auf eine Synagoge in Halle getötet wurden und den Regierungspräsidenten Walter Lübcke aus Kassel, der für seine Unterstützung für Flüchtlinge bekannt war und durch die Kugel eines rechtsextremistischen Mörders starb. Wir erinnern uns sehr gut an die Opfer rassistischen Terrors."

Bereits am Sonntag hatte Botschafter Aydin bei der Kundgebung im Anschluss an den Trauerzug in Hanau deutliche Worte gefunden. "Wir sind an dem Punkt angekommen, wo Worte versagen. Dieser Angriff war nicht die Tat eines Psychopaten oder eines einzelnen Irren. Der Angreifer hat sehr gezielt und geplant die Leben dieser Menschen ausgelöscht."

Der Frankfurter Generalkonsul Burak Kararti, der türkische Botschafter Ali Kemal Aydin und Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (Bild: dha)


Angriffe und Drohungen gegen Moscheen

In letzter Zeit sei es vermehrt zu Drohungen gegen türkische/migrantische Vereine, Moscheen und Einrichtungen gekommen. Dabei handele es sich nicht nur um ein antimuslimisches Problem, so Aydin: "Wir beobachten mit großer Sorge die steigende Zahl von Drohungen gegen Bürger mit Migrationshintergrund, gegen Moscheen und Verbände. Tägliche rassistische Vorfälle sind zu einem ernstzunehmenden Problem geworden. Dies zeigen auch die Angriffe auf Flüchtlinge und Vorfälle von Antisemitismus."

Botschafter Aydin fuhr fort: "Erst in der letzten Woche wurde eine zwölf-Mann-starke Terrorzelle ausgehoben, die unter anderem Anschläge auf Moscheen geplant hatten. So wurde ein Angriff wie auf die Moscheen im neuseeländischen Christchurch womöglich noch in letzter Sekunde verhindert."

Maßnahmen ergreifen

"Jetzt ist es an der Zeit, "Halt!" zu sagen und die Lehren aus den letzten Vorkommnissen zu ziehen", so Aydin. "Was den Umgang mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und Diskriminierung angeht, müssen Fehler eingestanden und alte Mechanismen und Maßnahmen überdacht werden." Es sei auch nötig, den Beitrag, den Türken und andere Ausländer in Deutschland leisten, anzuerkennen. Eine ständige negative Berichterstattung über das Land, aus dem man komme oder die Religion, an die man glaube, könne verletzen. Man müsse akzeptieren, dass Islamophobie in Europa mittlerweile ein mindestens genauso großes Problem sei wie Antisemitismus.

Unterstützung durch deutsche Politiker

Über die angespannte Gemütslage unter Türken und Türkeistämmigen sagte Botschafter Ali Kemal Aydin: "Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht an eine Moschee ein Drohschreiben eingeht. Unsere Mitbürger sind angespannt und nervös. Wir wünschen, dass Moscheen in Deutschland stärker geschützt werden. Die Ankündigung durch Innenminister Horst Seehofer (CSU), den Schutz zu verstärken, sehen wir als positiven Schritt in die richtige Richtung. So eine Maßnahme zeigt, dass die Regierung die Situation ernst nimmt.

Wir schätzen die Bemühungen und Unterstützung durch die deutschen Politiker - allen voran natürlich die durch Bundeskanzlerin Merkel - und glauben daran, dass sie auch weiterhin nötige Schritte ergreifen werden."

Bei seinem Besuch bei Hürriyet besichtigte der türkische Botschafter auch das Hürriyet-Druckhaus (Bild: Hürriyet)<em style="font-family: " source="" sans="" pro",="" sans-serif;"="'>


Ein Wort an Rassisten

Zum Abschluss des Gesprächs richtete Botschafter Ali Kemal Aydin das Wort an diejenigen, die es hören müssen: "Ich möchte menschenfeindlichen, rassistischen Neonazis etwas mit auf den Weg geben: Wenn ihr glaubt, dass ihr uns Türken durch solche feigen Anschläge so verängstigt, dass wir das Land verlassen, dann habt ihr euch getäuscht. Vor 60 Jahren wurden wir eingeladen zu kommen und Deutschland ist für viele, viele Menschen in diesen Jahren eine neue Heimat geworden. Egal, was ihr auch tut, die türkische Gemeinschaft wird ein Teil Deutschlands bleiben!".

(Berna Ehrhardt)

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