Türkei: Was droht der deutschen Reisebranche ohne Urlaub in Antalya und Co?

1.7.2020 11:08 Uhr

Die Türkei ist das drittbeliebteste Reiseland der Deutschen, wenn ins Ausland gefahren wird und man seinen Urlaub nicht in Deutschland verbringt. Antalya, Side, Alanya, Kemer, Bodrum, Marmaris und viele weitere Destinationen werden derzeit nicht so gebucht, wie es das Rekordjahr 2019 prophezeite. Die Urlaubswilligen, die in die Türkei wollen und das nur unter Erschwernissen realisieren können, sind massiv verärgert. Doch wie sieht es mit dem Fallout aus, der wegen der fehlenden Buchungen den Reiseveranstaltern und Reisebüros – oft Mikro- oder Kleinunternehmen – in Deutschland droht?

Hürriyet.de hat sich mit diversen Reiseveranstaltern und Reisebüros kurzgeschlossen, um den aktuellen Status Quo, die Ängste, Nöte und Sorgen zu hinterfragen, die in der Reisebranche derzeit drohen. Ganz gleich, mit wem man spricht, das Thema "Urlaub in der Türkei" kommt sehr schnell auf den Tisch. Und das ist mit schierer Panik verbunden. In manchen Reisebüros – die eh drohen, von den Buchungen über das Internet an Bedeutung zu verlieren – sind bis zu einem Drittel aller Reisen auf das Türkei-Geschäft abgestimmt. Das heißt, jede dritte Buchung, die an diesen Standorten vor Ort vorgenommen wird, führt in die Türkei und das als Flugreise oder Pauschalurlaub. Hier spüren die Anbieter bereits jetzt einen herben Einbruch. An das Volumen des Vorjahres sei, so Eingeweihte, nicht einmal ansatzweise zu denken.

Reisebranche-Insider: Wegfall von 12.000 Arbeitsplätzen droht

Es würde zwar reichlich Interessenten geben, die kurzfristig Reisen in die Türkei buchen wollen, aber hier würde sehr oft die Angst das Gespräch beherrschen: Was ist, wenn die Grenzen doch wieder geschlossen werden? Die Reisewarnung und die Erklärung der Türkei zum Risikogebiet durch das RKI haben nachhaltige Spuren in der Kundschaft hinterlassen. Und das bekommen die Reisebüros hautnah zu spüren. Hier droht ein massiver wirtschaftlicher Schaden – und das nicht in der Türkei bei den Hotels, den Restaurants oder den Airlines, welche die Destinationen in der Türkei befliegen. Der Schaden, von dem die Veranstalter und Verkäufer sprechen, wird sich in Deutschland manifestieren und das mit gravierenden Risiken.

Nach Schätzungen droht die Pleite oder die Entlassung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei rund 2000 bis 3000 Kleinst- und Kleinunternehmen im Bereich der Reisebüros. Im Mittel sind dort rund vier Personen beschäftigt, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Am Ende heißt das, gehen diese "Wackel-Kandidaten" in den Konkurs, fallen zwischen 8000 und 12.000 Arbeitsplätze weg. Menschen, die in den Leistungsbezug marschieren werden – ob als Bezieher von ALG I oder ALG II bleibt dahingestellt. Und je länger das Geschäft mit dem Urlaub in der Türkei schleppend läuft, desto größer wird das Risiko, dass die Kleinunternehmen unter den Reisebüros ihre Verbindlichkeiten nicht mehr werden bedienen können. Das Ende wäre dann die Geschäftsaufgabe. Bezahlen würde die Zeche am Ende des Tages die Bevölkerung, die mit ihren Sozialabgaben dafür sorgt, dass die Menschen aufgefangen werden.

Alarmierende Vorhersagen

Die Vorhersagen der Marktbeobachter – zum Beispiel der Deutsche Reiseverband, DRV – klingen alarmierend. Die Ferien in bevölkerungsstarken Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen oder in Stadtstaaten wie Hamburg und Berlin haben zwar gerade erst begonnen, aber bereits jetzt steht fest, dass in dem Segment der Urlaubsreisen schon Umsatzeinbußen von rund elf Milliarden Euro verzeichnet werden. Und auch hier werden, wie in den Reisebüros, erschreckende Zukunftsperspektiven prophezeit. So sagt der DRV deutlich, dass bei fortbestehenden Reisewarnungen für Hotspots unter den Urlaubsdestinationen wie der Türkei, in den Monaten Juli und August ein weiteres Loch von rund mehr als zehn Milliarden Euro drohen könnte. 2019 hat die Reisebranche gesamt – Pauschalurlaube, Flugreisen, Privatbuchungen, Baukastenbuchungen und so weiter – rund 70 Milliarden Umsatz gefahren. Hier droht ein Umsatzeinbruch von mehr als einem Drittel und das wäre für kleine Unternehmen nahezu unmöglich zu überleben. Zumal das Buchungsaufkommen via Reisebüros bei Pauschalurlauben nur noch bei knapp 20 Prozent liegt.

Wirtschaftlicher Fallout auch in Deutschland

Durch die Reisewarnungen sehen viele Spezialveranstalter und auf den Urlaub in der Türkei spezialisierte Unternehmen, in denen der migrantische Beschäftigungsanteil von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr hoch liegt, der Pleite entgegen. Werden die Reisewarnungen nicht gekippt, muss man in der Spitze von bis zu 3000 Unternehmes-Insolvenzen von Kleinunternehmen ausgehen, die bis zu 12.000 Menschen – plus ihrer Familienangehörigen - in den Bezug von staatlichen Transferleistungen drücken könnten. Das sind alarmierende Zahlen, wenn man es vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet. Denn der Bund leidet gleich doppelt, denn auch die Steuereinnahmen aus dem Reiseaufkommen gehen verloren.

Man muss sich bei den Überlegungen also von der reinen Inlands-Thematik in der Türkei lösen und realisieren, die Reisewarnungen haben ihren wirtschaftlichen Fallout auch und zuerst in Deutschland. Dort drohen die Pleiten, dort droht der Verlust von Arbeitsplätzen im fünfstelligen Bereich.

(ce)

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