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Türkei: Predigt des Diyanet-Leiters in der Hagia Sophia sorgt für Debatten

27.7.2020 10:28 Uhr

Die Predigt von Ali Erbas, dem Leiter des Amtes für religiöse Angelegenheiten Diyanet, in der Hagia Sophia vom 24. Juli sorgt für Aufregung in der Türkei. Es war das erste Freitagsgebet seit fast 90 Jahren und das wurde möglich, weil das historische Bauwerk von einem Museum in eine Moschee umgewandelt wurde. Nun sind Debatten entstanden, weil die Predigt von Kritikern so aufgefasst wurde, als hätte der Top-Imam des Landes Mustafa Kemal Atatürk, den Gründer der Republik, "verflucht", melden Hürriyet Daily News und die türkische Tageszeitung Hürriyet.

"Jedes Eigentum, das gestiftet wurde, ist in unserem Glauben unantastbar und verbrennt jeden, der es berührt. Der Stiftungsbrief des Gönners ist unwiderrufbar und wer diese Rechte missachtet, wird verflucht", sagte Erbas in der Predigt. Politiker der Opposition von der Republikanischen Volkspartei (CHP) und der IYI Partei interpretierten die Äußerungen von Ali Erbas so, dass sie auf den Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk abzielen würden. Einige Abgeordnete forderten den obersten Imam gar zum Rücktritt auf. Ein Kabinettsdekret aus dem Jahr 1934, noch zu Lebzeiten von Atatürk abgefasst, der am 10. November 1938 verstarb, hatte die Hagia Sophia in ein Museum verwandelt. Am 10. Juli hob ein türkisches Gericht dieses Dekret auf und ebnete nach 86 Jahren den Weg für seine erneute Nutzung als Moschee.

Erbas weist Oppositionsvorwürfe zurück

Ali Erbas wies die Vorwürfe, er habe den Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk in der Predigt verflucht, entschieden von sich. "Alle Treuhandurkunden für Stiftungen enden mit einem solchen Fluch. In meiner Predigt bezog ich mich darauf und nicht nur auf die Hagia Sophia, sondern auf alle Stiftungen. Ich habe mich auch nicht auf die Vergangenheit bezogen, sondern auf die Zukunft", sagte Erbas der türkischen Tageszeitung Hürriyet. Er wies auch darauf hin, dass es unter Historikern umstritten sei, ob Mustafa Kemal Atatürk aktiv daran beteiligt gewesen sei, die Hagia Sophia in ein Museum zu umzuwandeln. "Atatürk ist vor 82 Jahren gestorben. Für die Toten werden Gebete gesprochen, keine Flüche", sagte Erbas. Als Chef von Diyanet sei es seine Pflicht, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, das Eigentum der Stiftungen zu schützen. "Ich erfülle diese Pflicht", so Erbas.

Politiker der CHP und der IYI Partei haben Erbas jedoch wegen seiner Äußerungen in der Predigt angegriffen. "Sie werden den Preis für das Verfluchen von Atatürk bezahlen", sagte Özgür Özel, der stellvertretende Gruppenleiter der CHP. Gürsel Tekin, ranghoher Abgeordneter der CHP, sagte, kein Beamter könne Atatürk beleidigen. Ein anderer CHP-Abgeordneter, Mehmet Ali Celebi, sagte, ein Fluch gegen Atatürk sei gleichbedeutend mit Verrat. "Eines Tages könnte es politische und juristische Konsequenzen für Erbas geben", sagte Lütfü Türkkan, der stellvertretende Vorsitzende der IYI Partei. Aytun Ciray, ein Abgeordneter der IYI Partei, forderte Erbas zum Rücktritt auf und sagte, dass der Chef des Diyanet nachweislich nicht einmal wisse, was in der Stiftungsurkunde von Sultan Mehmed dem Eroberer tatsächlich niedergeschrieben sei.

(mb)

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