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Türkei: Neue Quarantäne-Pflicht Todesurteil für Geschäftsreisen?

1.9.2020 11:27 Uhr

Zehntausende demonstrierten am Wochenende in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. Ohne Mundschutz, ohne Abstandsregel. Doch wer in den Herbstferien in die Türkei reisen will oder aus geschäftlichen Gründen zum Beispiel nach Istanbul an den Bosporus muss, der sieht sich am 1. Oktober möglicherweise mit neuen Regeln konfrontiert. Die neuen Reiseeinschränkungen könnten das Todesurteil für die Herbst- und Geschäftsreisen mit der Türkei bedeuten. Das sorgt nicht nur auf der türkischen Seite für Unverständnis.

Die Reisebranche und die Fluggesellschaften haben die Restriktionen durch das Coronavirus in voller Bandbreite zu spüren bekommen. Doch letztlich wurde ein Kurs eingeschlagen, der den wirtschaftlichen Fallout für die komplette Reisebranche eingrenzen sollte – bis zum 1. Oktober. Da könnte neues Ungemach drohen. Wer sich in der Türkei hat testen lassen – und das wurde zur Pflicht vor dem Boarding zur Reiserückkehr nach Deutschland – der war von einer Quarantänepflicht befreit. Wenn der Test mit negativem Ergebnis nicht älter als 48 Stunden war. Das Ergebnis war, dass ein leichter Normalisierungsprozess beim Reiseverhalten in die Türkei spürbar wurde, meldeten die Airlines und Reiseunternehmen. Das soll und könnte hinfällig werden.

Thilo Pahl: "Geschäftsreisen in die Türkei droht nahezu das Aus"

Die neuen Maßnahmen sehen vor, dass alle Reiserückkehrer aus Risikoländern – auch der Türkei – in eine mindestens fünftägige Quarantäne gehen. Bis ein Test in Deutschland nachweist, man ist negativ auf Covid-19 getestet worden. Das bedeutet herbe Einschnitte für den Tourismusbereich, die Airlines und ebenso für die deutsche Wirtschaft, denn der Geschäftsreiseverkehr wird davon nachteilig berührt. Thilo Pahl, Geschäftsführer der Außenhandelskammer in Istanbul, sagte zur neuen Regelung gegenüber Oliver Mayer-Rüth, Leiter des ARD-Studios in Istanbul, die Regel würde für den Bereich der "Geschäftsreisen nahezu das Aus" bedeuten. Diese Maßnahme sei "weltweit ein riesen Problem" und be- oder verhindere gar "eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft".

Doch nicht nur mit Thilo Pahl sprach Oliver Mayer-Rüth, sondern ebenso mit Deniz Ugur, Reiseexperte im Türkeigeschäft mit jahrzehntelanger Erfahrung. Deniz Ugur bemängelte, dass sich die "alte Regelung" mit den Tests in der Türkei als gut und praktikabel herausgestellt habe. Dies würde nun wieder aufgehoben. Er befürchtet in seinem Gespräch mit Mayer-Rüth, dass das Ansteckungsrisiko sogar steigen würde, wenn sich die Menschen wieder ungetestet in die Flieger setzen. Niemand könne oder würde sich nach der Reiserückkehr "in den Keller setzen", sondern ungetestet im Supermarkt einkaufen. Eine Sicherheit, die bisher hergestellt wurde, entfalle dadurch. Doch auch um die Airlines macht sich Deniz Ugur große Sorgen. Man habe schon Unternehmen mit Steuergeldern subventionieren müssen und nun beschwöre man die nächste Krise herauf.

Mustafa Erkan: Türkisches Modell "zum Vorbild für Verabredungen mit anderen Staaten machen"

Das wirtschaftliche Risiko bedrückte ebenso Mathias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, im Gespräch mit Oliver Mayer-Rüth. "Mehr als 80 Prozent des Flugverkehrs ab Deutschland" würden nun blockiert, sagte er zur ARD. Eigentlich habe man darauf gebaut, das "türkische Modell" auch für Transatalantikflüge zu implementieren. In identischer Art und Weise äußerte sich auch Ankara auf Nachfrage der Tagesschau. So wird Mustafa Erkan, ehemals Abgeordneter im Landtag von Niedersachsen und aktuell Berater des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu, mit den Worten zitiert: "Ab dem 1. Oktober wird ein eingespieltes System ausgehebelt, das nebenbei die deutschen Testlabore entlastet hat." Die Türkei habe über 200.000 Tests an Reiserückkehrern nach Deutschland durchgeführt. Statt das System zu kippen, empfiehlt Mustafa Erkan es zum "Vorbild für Verabredungen mit anderen Staaten zu machen."

So oder so: Der 1. Oktober wird sicherlich mit großer Spannung erwartet. Man wird sehen, wie sich die einzelnen Bundesländer am Ende entscheiden und in welcher Größenordnung das Umsetzung erfährt, was die Bundesregierung andenkt. Letztlich verbleibt es doch Ländersache, wie man mit den Einreisebestimmungen umgeht. Da kann man sich an Empfehlungen der Bundesregierung halten, muss es aber nicht.

(ce)

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