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Türkei: In Izmir schallte "Bella Ciao" aus vereinzelten Minaretten

21.5.2020 18:30 Uhr

Als das Knarzen aus den Lautsprechern einiger Moscheen in Izmir an der Ägäisküste der Türkei um 17:00 Uhr Ortszeit am 20. Mai erklang, haben die Menschen sicherlich mit vielen Dingen gerechnet. Aber als dann die türkische Version von "Bella Ciao", eines italienischen Volksliedes und Protestsongs aus dem Zweiten Weltkrieg, aus den Lautsprechern schallte, drückten Umstehende unwillkürlich den Aufnahme-Button ihrer Smartphones. Damit hatte eher niemand gerechnet.

Die Bewohner der Bezirke Konak, Karsiyaka, Çigli und Buca in İzmir waren von dem eher unerwarteten Aufruf zum Gebet verblüfft. Einige Nutzer der Social Media meinten, es könnte eine politische Aktion gewesen sein. Andere User mit eher religiösem Hintergrund bezeichneten den Vorfall als Provokation und bezogen sich dabei auf den Fastenmonat Ramadan.

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Die religiöse Direktion der Provinz Izmir negierte die Berichte über derartige Vorkommnisse zunächst und gab eine Erklärung auf ihrem Account auf Social Media ab. Später, als immer mehr Beweis-Videos auftauchten, wurde dieser Beitrag jedoch entfernt. Das wurde danach entsprechend korrigiert. "Nach unserer ersten Analyse haben nicht identifizierte Personen unser zentrales Adhan-System auf illegale Weise sabotiert", sagte die Direktion in einer zweiten Erklärung. Die Direktion sagte auch, dass eine interne Untersuchung des Vorfalls eingeleitet wurde.

Ermittlungen gegen Verursacher und User auf den sozialen Medien

In der Zwischenzeit haben Staatsanwälte in Izmir strafrechtliche Ermittlungen gegen Personen eingeleitet, die im Verdacht stehen, sich in das zentrale Audiosystem eingeloggt zu haben. Doch auch gegen die Personen, die den Vorfall in den sozialen Medien lobten, wurden staatsanwaltliche Ermittlungen eingeleitet. Die Untersuchung der Staatsanwaltschaft wurde von Amts wegen auf der Grundlage des Verbrechens "öffentliche Erniedrigung religiöser Werte" gegen diejenigen eingeleitet, die die Aktion mit ihren Accounts auf Social Media mit "lobenden und unterstützenden" Äußerungen geteilt haben.

Die Generalstaatsanwaltschaft wies auch die Sicherheitsbehörden, öffentliche Sicherheitskräfte und die Anti-Cyberkriminalitäts-Abteilungen der Polizeibehörde an, die Verdächtigen festzunehmen, deren Identität jedoch bisher unbekannt ist. Moscheen in der ganzen Türkei rezitieren seit März täglich ein Kapitel des Korans und bitten um "die Stärkung der Moral", während das Land gegen die Pandemie des Coronavirus und Covid-19 kämpft. Der Schritt folgt einer Entscheidung des obersten religiösen Gremiums des Landes, der Präsidentschaft für religiöse Angelegenheiten Diyanet.

(ce)

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