dpa

Tatort wurde ohne Spurensicherung abgerissen

16.4.2019 19:29 Uhr

Der Missbrauchsfall von Lügde entwickelt sich immer mehr zum Polizeiskandal. Jetzt ließ man den Tatort abreißen, obwohl sich dort noch reichlich Datenmaterial fand. Selbst wenn auf den von einer Abrissfirma gefundenen Disketten, Videos und CDs keine Beweismittel zu finden wären, ist die Tatsache, dass die Polizei die Abrissarbeiten nicht begleitet hat, mehr als nur befremdlich. Doch nicht nur die Spurensicherung der Polizei gerät durch die neuen Funde in den Fokus, der Druck steigt auch auf Innenminister Reul.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) NRW, Michael Mertens, will wissen, warum der Abriss der Parzelle des Hauptverdächtigen nicht von der Polizei begleitet worden sei. "Die Frage muss man klären", sagte Mertens der Deutschen Presse-Agentur.

"Keine Anhaltspunkte"?

Die Parzelle war Ende März von den Ermittlern offiziell freigegeben worden. Polizei und Staatsanwaltschaft bekräftigten, es habe nach der intensiven und sehr kleinteiligen Untersuchung der Tatorte "keine Anhaltspunkte dafür gegeben, dass sich auf dem Gelände noch relevantes Beweismaterial befand". Man habe daher keine Veranlassung gesehen, Beamte tagelang für die Beobachtung der Abrissarbeiten abzustellen oder selbst auf Kosten der Steuerzahler einen Abriss vorzunehmen, betonten die Ermittler.

Am Freitag waren bei den Abrissarbeiten zwei CDs und zwei Disketten aufgetaucht. Hinweise auf weitere Opfer waren laut Polizei darauf nicht entdeckt worden. Allerdings habe man zunächst lediglich eine CD teilweise auslesen können.

Am Montag hatte der Abrissunternehmer die Polizei zudem informiert, dass elf Videokassetten, eine CD und eine Mini-CD oben auf einem Müllcontainer mit Abrissschutt gelegen hätten. Nach einer ersten Durchsicht enthielten die Datenträger "keine strafrechtlich relevanten Inhalte, sondern Unterhaltungssendungen", teilte die Polizei mit. Dass die Datenträger aus der Behausung des Hauptverdächtigen Dauercampers stammten, schlossen die Ermittler aus.

Reul maß den Funden wenig Bedeutung bei

Innenminister Herbert Reul (CDU) maß den Funden wenig Bedeutung bei. Sie hätten sich "als nicht erheblich für das Verfahren erwiesen", sagte er. Ob die VHS-Kassetten relevant seien, werde zurzeit ermittelt.

Laut einem Bericht von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" entsorgte der Abrissunternehmer außerdem Kisten und Kartons aus einem zuvor von den Ermittlern nicht durchsuchten Geräteschuppen. Den Inhalt der Kisten habe er nach eigenen Angaben dabei nicht geprüft. Die Container mit dem Schutt seien anschließend zu einer Müllverbrennungsanlage gefahren worden.

Dazu sei der Ermittlungskommission nichts bekannt, hieß es auf dpa-Anfrage bei der Polizei. Der Abrissunternehmer habe die Polizei darüber nicht informiert. Bei der Untersuchung des Geräteverschlags am Montag seien nur Werkzeuge und Metallschrott gefunden worden. Nach bisherigen Erkenntnissen sei der Schuppen wenige Meter neben der Parzelle nicht nur von dem Hauptbeschuldigten genutzt worden, sondern auch von zwei weiteren Personen.

SPD fordert Reuls Rücktritt

Reul verteidigte die Polizei. "Dass dieser Gerätestand erst jetzt dem Tatverdächtigen zugeordnet werden konnte, liegt an den nur schwer zu klärenden Nutzungsverhältnissen auf dem Campingplatz", erklärte er. Reul steht wegen der pannenreichen Ermittlungen zunehmend unter Druck. Am Wochenende hatte es aus der SPD im nordrhein-westfälischen Landtag erste Rücktrittsforderungen laut.

Auf dem Campingplatz in Lügde soll ein 56-jähriger Dauercamper mit einem Komplizen (33) über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Die beiden Verdächtigen sowie ein 48-Jähriger aus dem niedersächsischen Stade sitzen in Untersuchungshaft.

Abläufe verändern, um Missbrauch frühzeitig zu erkennen

Um Missbrauch und Gewalt gegen Kinder künftig frühzeitig zu erkennen, will auch das Jugendamt Lippe seine Abläufe verändern und die Kommunikation zwischen den Behörden verbessern. Jugendhilfe, Polizei und Gesundheitsbehörden sollen besser vernetzt werden und sich intensiver austauschen, hieß es in einer Mitteilung. Das gelte auch für die Jugendämter der verschiedenen Städte im Kreisgebiet und über Landesgrenzen hinweg.

(be/dpa)

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