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Türkische Gemeinde in Deutschland startet Beratungsportal gegen religiösen Extremismus

10.1.2019 9:39 Uhr, von Simge Selvi

Neben Links- und Rechtsextremismus hat sich der religiöse Extremismus in den letzten Jahren einen traurigen Spitzenplatz in der Nachrichtenlandschaft "erarbeitet". Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) will gegen diese Form des Extremismus Zeichen setzen und startet ein europaweit einzigartiges Angebot gegen religiösen Extremismus. Das neue, anonyme Online-Beratungsangebot "emel" ist online und wendet sich an Betroffene, deren Familien, Freunde und Bekannte, aber auch an Lehrerinnen und Lehrer. Hürriyet.de führte dazu Interview mit dem Bundesvorsitzenden der TGD Gökay Sofuoğlu.

Zwar gibt es in Deutschland und im gesamten deutschsprachigen Raum zahlreiche Beratungsangebote und Projekte, die sich gegen religiös begründeten Extremismus einsetzen. Dennoch werden nicht alle Zielgruppen bedient oder gar erreicht. Die Türkische Gemeinde Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, durch eine europaweit einmalige Online-Beratung einen niedrigschwelligeren, kultursensiblen, anonymen Zugang zur Beratung zu schaffen.

Dabei ist die Online-Beratung insbesondere an diejenigen gerichtet, die Hilfe im Umgang mit religiösem Extremismus suchen. Damit sind beispielsweise türkisch-, arabisch-, aber auch deutschstämmige Eltern gemeint. Aber auch Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen sowie Angehörige und Jugendliche können die Beratung in Anspruch nehmen.

Ein Interview mit dem Bundesvorsitzenden Gökay Sofuoğlu über das Online-Beratungsangebot "emel".

HÜ: Woher kam die Idee zum Projekt?

GS: Wir machen ja schon seit Jahren unterschiedliche Projekte im Bereich des Extremismus. Da ist natürlich viel im Präventionsbereich; und auch gegen religiös begründeten Extremismus haben wir sehr viel an Expertise. Und in dieser Phase ist uns natürlich auch aufgefallen, dass es doch so viele Kreise gibt - oder einige Kreise gibt -, die wir mit unseren verschiedenen Projekten nicht erreichen. Da hat sich bei uns die Frage gestellt, wie man diese Menschen erreicht, die sonst über bestehende Strukturen nicht erreicht werden - und da ist uns diese Online-Beratung eingefallen. Eine Online-Beratung, in der die Menschen sich anonym über ihre Fragen informieren und eventuell nach Rat suchen können.

HÜ: Insbesondere die Anonymität spielt also eine große Rolle?

GS: Wir haben natürlich eine Schweigepflicht. Aber wir werden die Menschen nicht nach ihrem Namen, nicht nach ihrer Adresse, nicht nach ihrer Telefonnummer fragen, sondern diese ganzen Beratungen bleiben völlig anonym. Die Leute können sich auf unserem Online-Portal mit einem Nicknamen anmelden und dann können sie ihre Fragen stellen. Wir versuchen die Reaktionszeiten darauf so kurz wie möglich zu halten, dass sie spätestens innerhalb von drei Tagen auch eine Antwort auf ihre Fragen haben.

HÜ: Gibt es einen Live-Chat?

GS: Es wird auch eine Live-Chat-Beratung geben. Je nach dem, in welchem Beratungsstatus sich der Fall befindet, werden wir hier auch Experten haben aus unterschiedlichen Bereichen. Dafür müssen die Betroffenen natürlich einen Termin ausmachen.

HÜ: Wer gehört zum Beratungsteam?

GS: Wir werden Psychotherapeuten bei uns haben, wir werden Theologen haben, Islamwissenschaftler gehören dazu, auch Sozialarbeiter. Die versuchen natürlich aus ihren Erfahrungen und Kenntnissen die Menschen zu informieren. Die Fragen kommen selbstverständlich bei unserer Projektleitung an und die Projektleitung wird die Fragen entsprechend weiterleiten.

Wir haben ja, wie gesagt, das Online-Portal emel-onlineberatung und da finden sich die Formulare und ebenfalls eine Erklärung, wie Sie ihre Fragen an uns stellen können oder wie das ganze Prozedere abläuft.

HÜ: Der Name "emel" bedeutet ja unter anderem "Wunsch" - wie kommen Sie auf den Namen?

GS: Ja, emel kann man ja ganz unterschiedlich übersetzen, man kann es als "Hoffnung" oder als "Ziel" übersetzen und wie Sie gesagt haben, auch als "Wunsch". Das ist eine gesunde Mischung von allem. Emel ist zudem ein sehr schöner Mädchenname - sowohl im Türkischen, als auch im Arabischen. Wir wollten den Namen auch ein bisschen als Aufmacher haben. Er passt, glaube ich, zu unserem Projekt ganz gut. Es muss ja ein Augenmerkmal haben und muss ja Unterschiede zu den anderen zeigen.

Wie sieht es aus, wenn Betroffene sich an Sie wenden, wie zum Beispiel Aussteiger aus der Szene? Werden Sie, wie beim Rechtsextremismus die Organisation Exit, Ausstiegshilfen geben?

GS: Am Anfang ist das nicht vorgesehen. Wir legen erstmal los und die Bedarfe werden sich natürlich mit der Zeit rausstellen. Aber wir kooperieren selbstverständlich mit verschiedenen Gruppierungen, die auch Unterschiedliches anbieten. Darunter sind ebenso Organisationen, die Aussteigerprojekte haben. Mit denen werden wir auch zusammen arbeiten. Wenn wir jetzt über diese Online-Beratung hinaus irgendwelche Bedarfe sehen, werden wir die Menschen natürlich an diese verweisen.

Das Projekt endet ja zum Dezember 2019. Wie geht es weiter?

GS: Wir hoffen, dass es natürlich fortgeführt wird, dass es verlängert wird. Es wird sich natürlich zeigen, welcher Bedarf mit dem Projekt abgedeckt wird. Wir gehen davon aus, dass der Bedarf auf jeden Fall sehr groß sein wird, dass wir auch einen großen Zulauf haben werden. Es sind schon heute die ersten Fragen an uns gekommen, nachdem heute in manchen Zeitungen über uns geschrieben worden ist - von Betroffenen und auch Leuten, die sich dann freuen, dass es sowas gibt. Ich gehe davon aus, dass der Bedarf sich in den nächsten Tagen noch mehr ausdrückt.

Das Projekt "emel" der TGD wird vom Bundesfamilienministerium sowie aus Mitteln für die Innere Sicherheit der EU gefördert.